Es soll Priester geben, die ihre Predigten von der KI schreiben lassen. Wahrscheinlich gar nicht so selten, sonst hätte Leo XIV. die Priester der Diözese Rom vor kurzem nicht eigens davor gewarnt. Ja, es kann schon sein, dass ein Priester nicht viel Freude mit der Predigtvorbereitung hat und daher geschwind zu bequemen "Hilfsmitteln" greift.
Die KI schafft hier tatsächlich neue Möglichkeiten und Gefahren. Das Thema an sich aber ist keineswegs neu: In den vergangenen Jahrzehnten war es halt nicht die KI, die eine schnelle Predigt liefern konnte, sondern das Internet. Wer geschickt zu suchen wusste, hatte sich eine Predigt sicher schneller aus dem Netz als aus den Fingern gesaugt. Und noch einmal früher lieferte nicht das Internet eine schnelle Predigt, sondern eine Bibliothek, ein Buch, ein Behelf.
Nun halte ich grundsätzlich nicht viel davon, eine fremde Predigt als die eigene zu verkaufen. Ich bin überzeugt, dass die Rechnung sowieso nicht aufgeht, weil man als Prediger nicht so authentisch hinter dem Gesagten stehen kann wie wenn man die Predigt selbst erarbeitet oder vom Heiligen Geist eingesagt bekommen hat. Es ist wie mit den berühmt-berüchtigten Stundenbildern für den Unterricht: Da gibt es auch hervorragende Materialien, aber selbst die besten von ihnen können immer nur Anregung sein: Es gilt immer noch, alles auf mich selbst und auf die Schüler:innen abzustimmen. Und genauso ist das auch bei der Predigt: Da predigt nicht irgendwer, sondern da predige ich. Und ich predige nicht für irgendwen, sondern für eine ganz konkrete Gemeinde. Es macht einen Unterschied, ob ich im Altenheim bin oder in der Pfarrkirche, ob ich in der kleinen Wochentagsrunde predige oder im feierlichen Festgottesdienst. Alles macht einen Unterschied. Und dieser Unterschied ist in der fremd vorgefertigten Predigt nicht berücksichtigt.
Und doch gibt es Prediger, die ihre Homilien nicht selbst verfassen, sondern aus irgendwelchen Behelfen nehmen. Und da stieß ich schon vor Jahrzehnten auf eine sonderbare Diskrepanz: Ich hatte einen Kollegen, der für einen Predigtbehelf regelmäßig zu verschiedenen Themen und Bibelstellen Predigten verfasste, die dann von anderen Predigern tatsächlich gehalten wurden. Selbst in einer Messe zu predigen aber war ihm nicht erlaubt, denn er war zwar Theologe, jedoch kein Kleriker. Aber dass er Pfarrern Wort für Wort die Predigt lieferte, das war (und ist) dem Kirchenrecht kein Problem.
Auf ebendiese Kluft verweits der deutsche Publizist Joachim Frank in einem Kommentar auf katholisch.de (15.7.2026) anlässlich des vatikanischen Neins zur Predigt von Nicht-Geweihten in der Messe. Und er fragt, wer in einem solchen Fall denn nun eigentlich der Prediger sei: "die exegetisch und pastoral-liturgisch befähigten Autorinnen und Autoren [der Predigt] ..., ganz gewiss nicht allesamt im klerikalen Stand? Oder der dogmatisch und kirchenrechtlich Befugte"? Und er schärft seine Anfrage mit dem Hinweis, dass sich diese Frage "umstandslos auf ungezählte Predigten in Pontifikalämtern übertragen ließe, die auf der >Zuarbeit<kundiger, kluger Referentinnen und Referenten fußen. Zum allseitigen Besten. Und ohne dass irgendeine höhere Instanz einschreiten und das Weihedefizit der heimlichen Helfer monieren würde. Wieso auch? Ist doch klar, dass es sie gibt, oder? Bei der Fülle von Aufgaben, die so ein Bischof tagtäglich zu bewältigen hat …"
Franks Kommentar zeigt, dass die Debatte lange noch nicht zu Ende ist. Wollte man wirklich garantieren, dass Predigten tatsächlich nur von Geweihten stammen, dann - ja dann müsste man von diesen verlangen, ohne Unterlagen zu predigen: frank und frei, wie es der Geist ihnen eingibt. Ob der Vatikan den Priestern (und Gemeinden) das wirklich zumuten will?
Harald Prinz, 16.7.2026