"Wir sind Kirche" erinnert anlässlich seines ersten Todestag mit großem Respekt und tiefer Dankbarkeit an das Wirken von Papst Franziskus. In der wohl größten Kirchenkrise seit der Reformation - man erinnere sich an Vatileaks, sexualisierte und spirituelle Gewalt, falsche Formen der Machtausübung, ... - hat Papst Franziskus eine dringend notwendige kirchliche Zeitenwende eingeleitet und vorangebracht.
In den zwölf Jahren seines Pontifikats hat Papst Franziskus gegen allen Widerstand vor allem im Vatikan die römisch-katholische Kirche grundlegender verändert als es viele erwartet hatten. Mit der weltweiten Beteiligung der Kirchenbasis bei Synoden und dem Stimmrecht nicht nur für Bischöfe hat Papst Franziskus eine kirchengeschichtliche Wende eingeleitet, die auf der Taufe aller Kirchenmitglieder aufbaut, langfristig wirken und hoffentlich unumkehrbar sein wird. Mit seinen vier Enzykliken, 26 Apostolischen Schreiben, unzähligen Veröffentlichungen und der Autobiografie „Hoffe“ hat Papst Franziskus ein Vermächtnis hinterlassen, das unsere große Dankbarkeit verdient.
Nach den langen Jahren der beharrenden, ja rückwärtsgewandten Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. von 1978 bis 2013 hat Franziskus in vielen großen und kleinen Schritten die Reformimpulse des Zweiten Vatikanischen Konzils wiederaufgenommen und weitergeführt: Er hat verkrustete Kirchenstrukturen aufgebrochen, den Klerikalismus benannt und bekämpft und ist gegen sexualisierte wie auch spirituelle Gewalt vorgegangen wie kein Papst zuvor. Er hat Bischöfe in die Verantwortung genommen, Fortschritte in der Ökumene wie im interreligiösen Dialog vollzogen und den Kompass der kirchlichen Lehre neu ausgerichtet – weg von einer unjesuanischen sündenfixierten Sexualmoral hin zu einem ganzheitlichen Bild vom Menschen. Franziskus hat grundsätzliche Menschheitsfragen aufgegriffen, besonders den Zusammenhang zwischen sozialer Frage und Bewahrung der Schöpfung - man erinnere sich seiner Enzyklika „Laudoto si‘“.
Seit Beginn seines Pontifikates versuchte, die Ortskirchen zu stärken und ihre Eigenverantwortung und Selbstbestimmung zu stärken. Dabei sind ihm leider viel zu wenige Bischöfe gefolgt; viel zu viele haben versucht, dies zu verhindern. Trotz seiner klaren Vision für eine synodalere Kirche kamen viele Reformvorhaben nur schleppend voran. Besonders die strukturelle Erneuerung der Kirche blieb hinter den Erwartungen zurück.
In der „Frauenfrage“ unternahm er wichtige Schritte in Richtung Gleichberechtigung, besonders durch die Besetzung hoher vatikanischer Ämter durch Frauen und durch die stimmberechtigte Teilnahme einiger Frauen an der Bischofssynode. Doch das immer noch nachwirkende Schreiben „Ordinatio Sacerdotalis“ von Papst Johannes Paul II. aus dem Jahr 1994 und viele innerkirchliche Widerstände hielten ihn bedauerlicherweise davon ab, Weiheämter für Frauen zu ermöglichen. Aber die Debatte dazu wird jetzt weltweit geführt.
Mit dem einen Monat vor seinem Tod von ihm genehmigten vatikanischen Schreiben zur Umsetzungsphase der Weltsynode trug Papst Franziskus über seinen Tod hinaus dafür Sorge, dass der von ihm eingeleitete Synodale Prozess auf den verschiedenen kirchlichen Ebenen fortgesetzt, konkrete Reformen umgesetzt und im Jahr 2028 eine weltweite Synodale Versammlung abgehalten wird. Dies ist auch eine Bestärkung für den 2019 begonnenen Synodalen Weg in Deutschland.
Es kommt auf uns alle an, wie auch auf jeden Kardinal und jeden Bischof, dass dringend anstehende Reformen in den Ortskirchen umgesetzt werden. Nur so wird es möglich sein, dass die inneren und äußeren Glaubwürdigkeitskrisen der römisch-katholischen Kirche infolge klerikalen Machtmissbrauchs, Frauendiskriminierung und Selbstbezogenheit langfristig wirklich überwunden werden.
Christian Weisner, Martha Heizer: 21.4.2026