Kritische Auseinandersetzung mit der Enzyklika „Humanae Vitae“ darf nicht vermieden werden
Wir sind Kirche zur Seligsprechung von Papst Paul VI. am 19. Oktober 2014

Die Plattform Wir sind Kirche hofft nicht, dass mit der Seligsprechung von Papst Paul VI. der weitere Verlauf der von Papst Franziskus einberufenen Familien-Synode 2014/2015 festgelegt oder gar kirchenpolitisch instrumentalisiert wird. Mit dieser Seligsprechung darf eine kritische Auseinandersetzung mit der von Papst Paul VI. im Jahr 1968 verkündeten Enzyklika Humanae Vitae nicht behindert oder gar verhindert werden. Zudem sind Selig- und Heiligsprechungen von Päpsten grundsätzlich zu hinterfragen, da sie den Absolutheitsanspruch des Papsttums zuungunsten des restlichen Volkes Gottes verklären.

 

 

Zweifellos war Paul VI. (1963-1978) eine bescheidene und moralisch integre Person. Es war sein großes Verdienst, dass er das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) nach dem Tod seines Vorgängers Johannes XXIII. fortgeführt und mit großem Engagement mitgestaltet hat; das war alles andere als selbstverständlich.

 

Sein Wirken nach außen verdient noch heute allen Respekt:
Er hat die Tiara, ein Symbol päpstlicher Machtansprüche, endgültig abgelegt. Er ist der Autor einer wichtigen Sozialenzyklika (Populorum Progressio, 1967) die zum ersten Mal auf den Nord-Süd-Konflikt hinweist sowie die weltweite Verflechtung der Wirtschaft und den Stellenwert der Bildung in den Blick nimmt. Als erster Papst stattete er der UNO einen Besuch mit einer beeindruckenden Rede zum Weltfrieden („Nie wieder Krieg!“) ab (1965). Er machte Auslandsreisen zum unverzichtbaren Teil seiner Tätigkeit. Durch seine Begegnungen mit dem Patriarchen von Konstantinopel (1964/65) und durch seinen Besuch in Genf (1967) hat er der Ökumene wichtige Impulse gegeben. Ihm verdankt die Kirche eine konsequente Liturgiereform (mit Einführung der Muttersprache), die sich bis heute bewährt hat.

 

Doch hat sein Wirken nach innen der katholischen Kirche schwere Hypotheken auferlegt.
Schon beim Konzil hat er die Einflussnahme reaktionärer Kräfte nicht verhindert, sondern gestärkt. Genauso wie die von ihm eingeleitete Kurienreform blieb die Kirchenrechtsreform auf halbem Wege stecken, weil er es nicht wagte, sich von den traditionellen Zwängen des Systems zu lösen. Dadurch legte er die Grundlagen für die wachsenden innerkirchlichen Polarisierungen, die bis heute nicht überwunden sind.

 

Marksteine für seine ängstliche Haltung sind: Die Enzyklika zum Pflichtzölibat (1967); sein bis heute umstrittenes Credo (1968), das er ohne jede Rückfrage bei Episkopat oder Kirchenvolk zum „Credo des Gottesvolkes“ erklärte; das zutiefst unökumenische Mischehendekret (1970); schließlich die Enzyklika Humanae vitae (1968). Mit ihr haben Papsttum und kirchliche Sexuallehre für viele bis heute ihre Glaubwürdigkeit verloren. Alle diese Dokumente zeigen: Dieser Papst nahm weder die Stimme des Gottesvolkes noch die Sachkunde einer unabhängigen Theologie und Humanwissenschaft noch die Stimme des Weltepiskopats wirklich ernst. Denn im Sinne einer ungeschichtlichen und unbiblischen Theologie, insbesondere der Unfehlbarkeitstheorie von 1870, fürchtete er sich, die Fehlentwicklungen der Lehre vergangener Epochen anzutasten.

 

Mit Approbation durch Paul VI. wurde im Herbst 1976 die Erklärung der Glaubenskongeration Inter insignores zur Frage der Zulassung der Frauen zum Priesteramt veröffentlicht. Mit dieser Erklärung setzte sich die Glaubenskongregation über das Votum der Bibelkommission hinweg, die kein Verbot der Frauenordination aus den Heiligen Schriften herauslesen konnte. Inter insignores war die Grundlage für Ordinatio Sacerdotalis (1994) und ist mit verantwortlich für die Missachtung von Frauen in der Kirche und die Abwendung vieler Frauen von der verfassten Kirche.

 

Die von Paul VI. 1965 errichtete Bischofssynode besitzt leider keinerlei eigenen Rechte. Sie ist ein reines Beratungsorgan, ohne ein Recht der Einberufung, der Geschäftsführung, der Tagesordnung und des Protokolls. Die Konzilsväter wollten aber ein kraftvolles Beratungsorgan, das die Stimmen der Weltkirche zur Geltung bringt. Diese Unselbstständigkeit des Gremiums ist auch der Grund dafür, dass die Bischofssynoden bis heute keine nennenswerten Impulse gesetzt haben. Umso größer sind die Erwartungen an die jetzige Zusammenkunft der Bischofssynode, die auf ein breites öffentliches Interesse stößt.

 

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