3. Internationale Kirchenreform-Konferenz in Chicago
Die Pfarrer-Initiativ-Gruppen riefen und viele kamen. 42 Leute aus 11 Ländern und 4 Kontinenten trafen sich für vier Tage in Chicago (17. – 20. Oktober 2016).

Bericht von Martha Heizer

 

Die meisten der TeilnehmerInnen repräsentierten Kirchenreform-Organisationen: außer den Priestergruppen aus Österreich, Deutschland, Schweiz, Irland, US und Australien waren folgende Organisationen vertreten: Wir sind Kirche (mit Teilnehmenden aus verschiedenen Ländern), FutureChurch (deren Vorsitzende, Deborah Rose-Milavec hatte das Treffen organisiert), Voice of the Faithful, ACTA(England), Call to Action, Dignity, News Ways Ministry, Womens Ordination Worldwide, Partners in Preaching, CORPUS, Catholics for Renewal, American Catholic Council, RAPPORT. Aber es gab auch Einzelpersonen wie die Kirchenrechtlerin Kate Kuenstler, die in den USA erfolgreich Prozesse gegen Bischöfe führt, Pablo Pagano, ein Priester aus Argentinien, und die beiden Slowaken Peter Krizan und Rastislav Kocan.

 

Die Vorgangsweise war auf die Teilnehmenden konzentriert, es gab keine Vorträge. Zwei sehr kompetente Moderatoren (Holger Heller aus Österreich und Amanda Fenton aus Kanada) führten uns durch diese intensiven Tage. Sie schufen eine Atmosphäre des Zuhörens, des Vertrauens und der Teilhabe – und das in einem sehr klaren, manchmal engen Zeitrahmen. Es war unser drittes Treffen und unser Austausch wird immer intensiver. Freundschaft, Wärme und Akzeptanz machten es leicht, sich in der Gruppe wohlzufühlen. Alle Beteiligten waren/sind mit Kirchenreform engagiert, so hatten wir vieles gemeinsam. Unsere Visionen und Hoffnungen für unsere Kirche glichen sich weitgehend. Viele Umarmungen – für manche der Priester nicht allzu gewohnt – viel Lachen, aber auch viele Tränen gehörten dazu.

 

Denn nicht alles war leicht. Wenn sich auch unsere Visionen glichen, so gab es doch substanzielle Unterschiede bezüglich der Strategien, wie wir diese Ziele erreichen wollen. Das kristallisierte sich besonders bei zwei Themenkreisen heraus: bei der Frage der Frauenordination und bei der Feier der Eucharistie. Ich gehe davon aus, dass alle der Anwesenden Frauenordination befürworten. Einige allerdings meinten, das jetzt zu voranzutreiben wäre nicht hilfreich, weil es den Dialog mit den Bischöfen verunmöglichen würde (dieses Argument kenne ich seit 40 Jahren!). Sie meinten, es wäre klüger, sich für volle Gleichberechtigung der Frauen bei kirchlichen Entscheidungsprozessen einzusetzen. Die Mehrheit allerdings betonte, dass volle Gleichberechtigung ohne Ordination in unserer Kirchenstruktur unmöglich sei. Und dann gab es noch jene, die meinten, wir hätten schon Klerus genug, er sei eher zu verringern als mit Frauen aufzufüllen…

 

Die Feier der Eucharistie führte wieder, wie schon beim 2. Treffen der Gruppe in Limerick, zu hoch emotionalen Auseinandersetzungen. Immerhin gab es einige neue Teilnehmer, speziell aus der Priestergruppe der USA, die in Limerick nicht dabei gewesen waren und die diese dramatische Lernerfahrung nicht hatten. Deshalb erzählten zwei besonders mutige Priester von ihrer Erkenntnis aus Limerick: “Ich habe viel verstanden. Limerick und die Zeit seither haben mich sehr verändert. Jetzt bin ich bereit, an einer inklusiven Eucharistiefeier teilzunehmen, koste es, was es wolle.”

 

Aber gerade einige der “Neuen”meinten, eine Eucharistiefeier ohne einen ordinierten Priester als einzelnem Haupt-Zelebranten wäre unmöglich. Das wiederum beleuchte deutlich die Ungleichheit der Frauen, sagten die meisten. Am Ende wurde die Eucharistie mit einem gemeinsam gebeteten Hochgebet gefeiert – es nahmen mindetens 9 geweihte Priester daran teil auch wenn einige fehlten. Wir waren geschockt und sehr traurig, denn diese Männer, die nun nicht mitfeiern konnten, waren zu Freunden geworden, sie hatten mit uns gearbeitet, gebetet und gegessen – ihr Wegbleiben war keine gute Lösung. So war die gemeinsame Feier zwar etwas sehr Besonderes und Heiliges, aber traurig. Das führte wieder zu dem Dilemma: gemeinsames Feiern durch gemeinsames Beten oder gemeinsames Feiern nur, wenn alle dabei sein können?

 

Zu sehen, wie schwierig es ist, sogar in einer kleinen Gruppe mit Personen, die sich weitgehend einig sind, zu einer Einigung zu kommen, hat unsere Anerkennung für Papst Franziskus bestärkt, der mit enorm komplexen Problemen zu tun hat!

 

Abgesehen von diesen emotional besetzten Diskussionen (endlich nicht nur “sachlich” und “objektiv”) gab es eine Reihe von Themen, die behandelt wurden: eine Gruppe beschäftigte sich mit der dringenden Notwendigkeit einer Kirchenverfassung. Kirchliche Autoritäten haben keine Rechenschaftspflicht und es gibt weitgehend keine Einspruchsmöglichkeiten und keine Wiedergutmachung. Gewaltenteilung gibt es gar nicht. Geltende Rechtsstandards werden komplett missachtet (siehe dazu unser Buch: “Mitbestimmung und Menschenrechte”, topos 2011). Diese Gruppe wird daran im kommenden Jahr weiterarbeiten.

 

Priester werden immer weniger. Welche Möglichkeiten haben wir denn in Zukunft, dass die Gläubigen Eucharistie feiern können? Eine Gruppe besprach das sogenannte “Lobinger-Modell” (Lobinger ist ein deutscher, nun emeritierter Bischof aus Südafrika). Dies scheint ein brauchbares Modell zu sein, auf alle Fälle für eine Übergangszeit: die Gemeinde bestimmt ein Team, das sie leitet und die Sakramente spendet. Der Bischof ordiniert sie für diese Gemeinde und auf Zeit. Ein Priester fungiert als Supervisor für mehrere Gemeinden. Die vor- und Nachteile dieser Idee wurden intensiv diskutiert.

 

Jeannine Gramick von New Ways of Ministry hat, wie es ihre Art ist, freundlich aber beharrlich auf die Situation der LGBT-Menschen hingewiesen (also der Lesben, Homosexuellen, Bisexuellen und Transgender-Leute) und in ihrer Gruppe eine Resolution entworfen, die die Kirche ermahnt, die Würde jedes Menschen zu wahren, egal welcher sexuellen Orientierung. Das würde helfen, Gewalt und Diskriminierung zu mindern, der diese Menschen noch immer in vielen Teilen der Welt ausgesetzt sind. Solange es in manchen statten die Todesstrafe für diese Menschen gibt, darf die Kirche dazu nicht schweigen!

 

Es war selbstverständlich, dass durch die vielen so stark engagierten Frauen das Thema “Frauen in der Kirche” beinahe jedes Gespräch mitbeeinflusste. Immerhin haben sich einige von ihnen schon fünfzig Jahre lang dafür eingesetzt, dass Frauendiskriminierung in der Kirche keinen Platz haben darf. “Bei euch soll es nicht so sein!” Beim derzeitigen männlich-klerikalen System scheint eine Besserung schwer möglich.

 

Wir waren alle müde am Ende der Tagung. Aber es war ein Geschenk, dabei gewesen zu sein. Wir alle leiden von Zeit zu Zeit an Resignation, wir spüren, dass Energie und Inspiration immer wieder eine Tankstelle brauchen. Das Treffen in Chicago war eine solche.  Das war nicht nur persönliche Motivation zum Weitermachen, es gab auch Hoffnung für die Kirche: zu sehen, wie viele Menschen weltweit sich für sie und ihre Erneuerung einsetzen. Auch wenn wir alle dem Kindergarten längst entwachsen sind und vielleicht schneller müde werden, haben wir Chicago in Hochstimmung und sehr bestärkt wieder verlassen. Wie sagte Rastislav aus Slowakien: “You silver ladies are so incredibly young!”

 

KASTEN:

Aufgrund der Auseinandersetzungen während der Tagung in Chicago formulierten einige Frauen folgenden Brief, den sie am Ende der Tagung (zum Teil unter Tränen) vorlasen:

 

An unsere Brüder in Christus

In diesem Kreis habt ihr unseren Schmerz, unseren Zorn, unsere Verletzlichkeit und unsere Ehrlichkeit wahrgenommen. Versteht unsere Geschichten und unsere Erkenntnisse als Geschenke für euch und für die gesamte Kirche!

Wir Frauen kamen zu diesem Treffen als gleichberechtigte Partnerinnen in der Arbeit für die Erneuerung unserer Kirche.

Wenn wir zusammenarbeiten, ist es notwendig, dass wir wertgeschätzt und respektiert werden. Zu oft werden  Frauen ignoriert,zurückgewiesen, totgeschwiegen und vor den Kopf gestossen. Was wir in der gesamten Kirche erleben, haben wir auch hier gespürt. Dieses Verhalten widerspricht unserem Einsatz für Gerechtigkeit und Gleichheit.

Das hat Schmerz und Trennung verursacht.

Wir bitten euch, intensiv hinzuhören auf die Frauen in diesem Raum. Wir bitten euch auch, intensiv auf die Frauen in euren Gemeinden zu hören.

Im Geist, der zu Neuem einlädt, bitten wir euch, auch im Gebet über männliche und klerikale Privilegien nachzudenken.

Wir bitten euch, das Heraustreten aus dem Gewohnten zu riskieren und mutig für die volle Gleichberechtigung der Frauen in der Kirche einzutreten.

Wir bemühen uns um eine radikale Gleichheit aller in der Kirche.

Wir wollen diesen Weg mit euch gehen.
 

 

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