Was muss die Kirche tun?

11.01.2010, Dr. Eamonn Conway

 

Überlegungen zu einer Charta für eine genesende  Kirche

Vortrag von Dr. Eamonn Conway, Leiter der Abteilung Theologie und Religionsstudien am Maria Immaculata College der Universität Limerick, anlässlich der Nationalen Irischen Priesterkonferenz in Kilkenny am 3. April 2000.

 

Einleitung

 

Vor einiger Zeit nahm ich an einem Klerikertreffen teil, bei dem auch ein Kollege anwesend war, der des sexuellen Kindsmissbrauchs überführt worden war. Obwohl ich mich über seine Anwesenheit freute, fühlte ich mich sehr unsicher. Da ich ihm unbedingt ein Gefühl des Willkommenseins vermitteln wollte, war mein Händedruck fester als gewöhnlich. Während des Gebetes sprach er zu uns. Er bedankte sich dafür, dass er hatte kommen dürfen. Er sprach von seinem Schmerz über die Verletzungen und die Verfehlungen, die er verursacht habe, auch seinen Kollegen gegenüber.

Als ich später darüber nachdachte, fühlte ich, dass wir als Gruppe uns selten so nahe  und selten so offen und ehrlich wie in diesen wenigen Augenblicken gewesen sind. Hier waren wir mit einem Kollegen zusammen, dessen Leben von allem Schein und Vorwand frei war. Durch das Prisma seiner sündigen und gebrochenen Menschlichkeit waren wir alle aufgerufen zu einem höheren Grad an Authentizität und individueller Echtheit. Woher kommt es, dass wir trotz langer Jahre der Ausbildung und  Amtsausübung selten einen solchen Grad an Offenheit und Ehrlichkeit miteinander erreichen als ausgerechnet in den Augenblicken, wo uns das peinlich ist? Dabei sind die Konsequenzen für die von uns verletzten Individuen genau so schrecklich wie für die Priesterschaft und das Leben der Kirche.

 

Die Anwesenheit Christi ist nicht gegeben

 

In einer Predigt von 1839 mit dem Titel Christian Sympathy schrieb John Henry Newman das Folgende:
"Es wäre gut, wenn wir das alles verstünden, vielleicht den Grund verstünden, warum der Grad der Heiligkeit unter uns so niedrig ist, warum unsere Errungenschaften so ärmlich sind, warum unsere Sicht der Wahrheit so trübe, unsere Glaube so schwach/unwirklich ist, warum unsere allgemeinen Ansichten so künstlich und äußerlich sind, dass wir es nicht wagen, uns  gegenseitig das Geheimnis unserer Herzen anzuvertrauen. Wir haben alle dasselbe Geheimnis und wir behalten es für uns und wir fürchten es könnte ein Grund für Entfremdung werden, während es eigentlich ein Gemeinschaft stiftendes Band sein sollte. Wir untersuchen die Wunden unserer Natur nicht gründlich, wir legen die Grundlagen unseres geistlichen Amtes nicht in unser Innerstes: Das Äußere halten wir rein, wir sind liebenswürdig und freundlich zueinander sowohl in Worten als auch in Taten. Aber unsere Liebe wächst nicht, unsere Zuneigung bleibt begrenzt und wir fürchten Austausch, der an die Wurzel, ans Wesentliche geht. Die Folge ist, dass unsere Religion als ein soziales System als hohl angesehen wird, als ein System, in dem Christus nicht anwesend ist."

Newmans Predigt stammt aus der Weihnachtszeit. Diejenigen unter uns, die Priester sind, haben die Menschwerdung unzählige Male gepredigt. Aber haben wir es wirklich zugelassen, dass Gottes selbstlose Annahme unseres Menschseins uns berührt, uns heilt, uns befreit? Im Augenblick fahren wir in der Kirche eine bittere Ernte ein. Ich sehe diese Ernte als die Unfähigkeit von uns Priestern und Ordensleuten, die frohe Botschaft des Evangeliums wirklich zu leben, die einzigen Botschaft, die unserem Leben Sinn geben kann. Weil es uns schwer fällt, uns selbst und anderen einzugestehen, dass wir schwach sind, weil wir aus irgendwelchen Gründen glauben, perfekt sein zu müssen, selbst wenn wir es nicht sind, werden wir hart zu uns selbst. Das wiederum macht es uns leicht, hart zu anderen zu sein. Da wir unsere eigenen Schwächen nicht tolerieren können und sogar von ihnen abgestoßen sind, stehen wir  den Schwächen Anderer noch intoleranter gegenüber. Unser Leben ist voll von "sollte" und "müsste". Es gibt einen Missbrauch in Worten, der leicht zu einem Missbrauch in Taten endet. Wir fühlen uns schwach, ängstlich und machtlos. Diese Gefühle möchten wir gerne überwinden und suchen deshalb das Gefühl der Macht, wo und wann immer es möglich ist. Das kann im Leben von Menschen, die nicht Priester sind, geschehen. Im Rahmen eines klerikalen Lebens kann das viele und unterschiedliche Formen annehmen, sei es als Tyrannei in Sakristei und Kirche, sei es als schrecklicher geistiger, körperlicher, emotionaler oder sexueller Missbrauch, wie er heute zu Tage tritt.  

 

„Die Anwesenheit Christi ist nicht gegeben“, sagte Newman. Dies ist die Erfahrung, die viele Menschen mit der Kirche gemacht haben und die sogar in bestimmten Momenten auch für uns gilt, wenn wir ehrlich genug sind, es zuzugeben.

 

Eine Kirche in Trauer

 

Vielleicht ist es gerade Ehrlichkeit, zu der wir heute gezwungen werden. Und eine Folge/ein Ergebnis ist dann Trauer. Trauer um eine Kirche, die uns vertraut und bequem war, in der aber, wie wir jetzt einsehen müssen, die frohe Botschaft des Evangeliums nicht fundamental gelebt wurde.
Oft reagieren trauernde Menschen zuerst mit Verdrängung. Das mag negativ klingen. Verdrängung ist jedoch ein natürlicher und notwendiger Schritt auf dem Weg, die schmerzhaften Realitäten anzuerkennen. Zur Zeit befinden sich viele Priester und Ordensleute noch im Stadium der Verdrängung, nicht der Tatsache des Missbrauchs oder gar seines Ausmaßes, sondern der vielfältigen Implikationen sowohl für die einzelnen Opfer als auch für das Leben der Kirche. Konfrontiert mit dem Zusammenbruch eines besonderen Verständnisses ihrer Rolle und Identität fühlen sich viele Priester jetzt gelähmt und benommen. Sie fühlen sich auch von den Medien geprügelt. Es gibt Gefühle von Wut, Schuld, Scham und Verletzung, alles Gefühle, die jetzt von Priestern und Ordensleuten erforscht  und formuliert werden müssen. Es besteht die Gefahr, dass diese negative Energie unterdrückt wird und dass eine stille, aber karzenogene "pastorale Panik" unter der Oberfläche wütet und langfristig noch größeren Schaden verursacht, nicht zuletzt bei den Priestern und Ordensleuten selbst.

 

Ich begrüße dieses Stadium der Trauer. Was verloren ist, musste verloren gehen. Die kirchlichen Positionen der Macht, der Dominanz und der Kontrolle und mutatis mutandis die entsprechende Position des Priesters waren letztlich unvereinbar mit der Lehre des Evangeliums. Ich zweifele nicht daran, dass die Kirche aus diesem schmerzhaften Kapitel ihrer Geschichte schlanker und gesünder und weit effektiver in ihrem Amt hervorgehen wird.

 

Der Weg zu einer genesenden Kirche

 

Ich bin gebeten worden, einen Weg für die Genesung der Kirche aufzuzeigen. Ich glaube, dass die momentane Krise eine Einladung an die Kirche ist, diesen Weg zu beginnen. Er beinhaltet Genesung nicht nur von dem Glaubwürdigkeitsverlust der Kirche, sondern  - was noch wichtiger ist – auch von ihrer Sucht, Macht und Autorität in einer Art und Weise auszuüben, die destruktiv ist sowohl für diejenigen, die Macht und Autorität ausüben, als auch für diejenigen, die ihren Missbrauch zu spüren bekommen.

 

Schritt 1: In Gottes liebenden Händen

Der erste Schritt in einem Genesungsprozess ist die Suche nach den eigenen Kraftquellen. In ihrem Vortrag hat Dr. Geraldine Moan bereits darauf hingewiesen, dass ein Opfer wieder ein Gefühl der Sicherheit und des Vertrauens entwickeln muss, um das Geschehene bewältigen zu können. Für die Kirche ist die Quelle des Sicherheit und des Vertrauens Gottes bedingungslose Liebe. Deshalb müssen wir auf unserem Weg zur Genesung uns zu aller erst  darüber im klaren werden, dass Gottes bedingungslose Liebe der  e i n z i g e  Grund/Boden ist, auf dem wir täglich stehen. Gott hört nicht auf, die Kirche – sündig wie sie ist – zu lieben. Gott wird weiter jeden einzelnen von uns – Christen, Sünder, jeden einzelnen von uns – individuell und bedingungslos lieben. Gott kann nicht uns  n i c h t  lieben.

Wie auch immer unsere elaborierten Glaubenssätze lauteten, haben wir in der Vergangenheit eine Vorstellung entwickelt, dass Gottes Liebe abhängig sei von einem bestimmten Verhalten unsererseits. Dazu kam, dass man Priester und Ordensleute in der machtvollen Position sah, die göttliche Liebe zuteilen oder verweigern zu können. Die Implikation der Menschwerdung ist jedoch, dass Gott die problematischen/dunklen Seiten einer gebrochenen Existenz akzeptiert. Gott lässt sich ganz auf den Menschen ein, so dass wir den Mut haben sollten, das auch zu tun. Gott liebt uns ohne "wenn" und "aber". Das macht uns frei. Aber das gibt uns auch die große Verantwortung, ewig zu wählen, wer wir sein wollen.

 

Schritt 2: Erkenne den Schaden an ...

Das impliziert, denen, die missbraucht worden sind, zuzuhören. Unter Zuhören verstehe ich zu den Gefühlen der Scham, der Erniedrigung, der Schuld, des Schaden und der Wut, die das Zuhören in uns erzeugen kann, zu stehen. Wie T.S Eliot sagt, müssen wir "zulassen, dass die Dunkelheit über uns kommt, die die Dunkelheit Gottes sein wird.“ Wir müssen still sein, den Schmerz, die Gewalt, die verschwendete Liebe und die verlorenen Jahre gelten anerkennen und gelten lassen.

Dann müssen wir den Schmerz und den angerichteten Schaden registrieren und zwar an einem Ort tief in unserem Inneren. Dies ist notwendig, um die Möglichkeit echten Mitleids, authentischen Mitleidens mit denen, die gelitten haben, zu erreichen. Wir müssen in der Lage sein, mit dem heiligen Vincent von Paul zu sagen: "J'ai peine de votre peine." („Ich leide an euren Leiden“)

Um die gegenwärtigen Führungspersönlichkeiten der Kirche unterstützen zu können, muss man anerkennen, dass die meisten von ihnen nach der Maßgabe ihrer Möglichkeiten zuhören und reagieren. Sie haben unzählige unbeobachtete Stunden des Gebets und der peinvollen Überlegungen verbracht, um herauszufinden, was das richtige Verhalten sei. Das ist von Teilen der Kirche nicht adäquat gewürdigt worden und es ist sicher nicht im Interesse der Medien. Ihrer Natur nach muss die Arbeit an diesem Problem leise und im Hintergrund geschehen. Gleichzeitig muss konzediert werden, dass pastorale Intuition und Instinkt manchmal zu leicht von legalistischen Überlegungen ausgeschaltet wurden. Die Schwierigkeit besteht darin, dass der wahre Hirte sich sowohl um das Opfer als auch den Täter kümmern muss. Hirten müssen oft eine schwierige Gratwanderung machen zwischen einerseits der Offenheit und Sensitivität für die Person, die klagt, missbraucht worden zu sein – und andererseits ihrer Verantwortung für den angeblichen oder auch verurteilten Täter. Auch dessen Rechte hören nie auf und für ihn bleiben die kirchlichen Autoritäten immer verantwortlich. Es ist heute schlicht falsch zu insinuieren, dass die Opfer nicht gehört werden, um die Institution zu schützen oder weil die Furcht existiert, das System käme in Verruf. Ich kenne keine kirchliche Führungsperson, für die die Sicherheit der Kinder heute oder  die Genesung früherer Opfer nicht eine prominente Rolle spielt.

Dieser zweite Schritt bedeutet, das Geschehene anzuerkennen. Ein weiteres Zeichen dafür, dass wir uns in diesem Stadium befinden, ist die Bereitschaft, mit allen – seien sie externe oder interne Kräfte - voll zusammenzuarbeiten, um herauszufinden, wie das, was geschehen ist, geschah. Dr. Moan und Dr. Ferguson haben uns in dieser Hinsicht und auf diesem Weg geholfen.
Schließlich wäre unsere die Bereitschaft, offen und freimütig die Formen des Missbrauches zu untersuchen, die zur Zeit in der Kirche geschehen, ein Zeichen unserer Umkehr. Eine gute Frage an uns selbst lautet: Wovon wollen wir in zwanzig, dreißig oder fünfzig Jahren versucht haben zu genesen? Worüber will die nächste Generation von Katholiken nachdenken und was werden die Gegenstände ihres Kummers, ihrer Trauer und ihrer Wut sein? Was werden die Themen sein? Ich glaube, dass auf ihrer Liste der Ausschluss Verheirateter und insbesondere der Frauen vom kirchlichen Entscheidungsprozess stehen wird. Ein weiterer Punkt wird die Zerstörung unserer Umwelt sein.    Zur Zeit leitet uns Papst Johannes Paul II auf den Weg, unser Bedauern für vergangene Fehler der Kirche auszudrücken. Sein eigener schmerzgeplagter Körper ist auf beeindruckende Weise Ausdruck des Bedauerns für Sünden der Vergangenheit. Aber die Menschen können die legitime Frage stellen, was wir jetzt tun, um Formen der Unterdrückung abzuschaffen. Und sie können dies als Maßstab nehmen, wie aufrichtig und ehrlich unser Bedauern ist über das, was in der Vergangenheit geschehen ist.

 

Schritt 3: Suche nach Vergebung und Versöhnung

Der nächste Schritt ist, diejenigen, die verletzt wurden, um Vergebung zu bitten und da, wo es möglich ist, Wiedergutmachung zu leisten. Sexueller Kindsmissbrauch ist ein Verbrechen, das allein auf dem juristischen Wege nicht gesühnt werden kann. Was die Opfer am meisten brauchen, ist eine Gelegenheit, mit eigenen Ohren zu hören, dass sie für das Geschehene nicht verantwortlich sind. Sie brauchen auch eine Möglichkeit, wieder ein Gefühl für die eigene Macht zu bekommen. Manchmal wird das am besten durch ein Treffen mit dem Täter erreicht, vorausgesetzt der Zeitpunkt ist der richtige. Ein solches Treffen ermöglicht den Opfern die Einsicht, dass der Täter nicht so mächtig und stark ist, wie sie ihn in Erinnerung haben, sondern dass er im Gegenteil eher klein und schwach ist. Dies hilft den Opfern, ihre Ängste hinter sich zu lassen und wieder ein Gefühl eigener Macht aufzubauen.

 

Laut John Shea ist "Vergebung die Wiederentdeckung der Liebe zu sich selbst, nachdem diese Liebe von Selbsthass verkrustet war." Wenn wir sündigen, verlieren wir ein Gefühl für unsere eigene Güte. Unser Selbstwertgefühl wird durch ein Gefühl des Selbsthasses überlagert. Hier vor allen Dingen wird die Kirche gebraucht, uns allen, Opfern, Tätern und Unbeteiligten, zu helfen, das Selbstwertgefühl wieder aufzubauen. Denn dies ist das einzige, was Heilung bewirkt. Opfer müssen vergeben können, damit sie Heilung finden. Täter müssen erfahren, dass nichts, was ein Mensch tut, ihn aus dem Bereich  der göttlichen Liebe entlässt. Obwohl sie beschädigt und geschlagen ist und sich selbst täuscht, ist die Kirche dennoch das einzige und einzigartige Vehikel von Gottes heilendem Wort. Das macht es um so dringlicher, dass wir als Kirche uns wieder der Mission zuwenden, die nur wir vollbringen können.

 

Schritt 4: Höre auf, Täter zu Sündenböcken zu machen

Eine Kirche auf dem Weg der Genesung wird aufhören, Täter und Kinderschänder zu Sündenböcken zu machen. Sie wird vielmehr bereit sein, anzuerkennen, dass sie – bei aller persönlichen Verantwortung für ihre Taten – von einem System im Stich gelassen wurden. Deshalb wird eine Kirche auf dem Weg der Genesung ehrlich und kritisch prüfen, welche Möglichkeiten der Unterstützung es gab und gibt für Priester und Ordensleute, die ihre Macht in verschiedener Form missbraucht haben. Sie wird fragen, welches Bild von Autorität, Kontrolle und Sexualität in der Kirche – von Seminaren über Bischofspaläste und einzelne Pfarreien – wirksam war und noch ist. Eine Kirche auf dem Weg zur Genesung wird beträchtlich in die fortlaufende Bildung und Ausbildung ihrer Kleriker investieren. In diesem Punkt begrüße ich die einzigartige und erfolgreiche Initiative der Bischöfe der Westprovinz, die ein Programm der internen Fortbildung für ihre Priester am Western Theological Institute in Galway etabliert haben. Von Programmen dieser Art werden mehr gebraucht.

 

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum die Kirche ihre Sündenbockpolitik aufgeben muss: Gott liebt Sünder. Als Kirche ist uns die Theorie bekannt, dass man die Sünde, nicht den Sünder bewerten muss. Die Wirklichkeit sieht zur Zeit jedoch anders aus: Selbst diejenigen, die öffentlich bestraft wurden und ihre Strafe abgebüßt haben, bleiben nicht nur von der Ausübung eines öffentlichen Amtes, sondern zu einem großen Teil auch aus der Gemeinschaft ihrer Mitchristen ausgeschlossen. Ihnen werden Identität und Würde verweigert. Vielleicht ist das eine Aufgabe für die Zukunft: Wir werden unsere Furcht davor bewältigen müssen, sowohl mit dem Opfer als auch mit dem Täter liebevoll umzugehen.

 

Schritt 5: Stell dir eine andere Kirche vor

Anthony de Mello erzählt die wunderbare Geschichte von einem Neurotiker, der wusste, dass er sich ändern musste und der das auch wirklich wollte. Aber je mehr Leute ihm sagten, dass er sich ändern müsse, desto stärker geriet er in Panik und desto häufiger überkam ihn ein Gefühl der Lähmung. Leuten zu sagen, dass sie sich ändern müssen, hilft ihnen nicht, es auch zu tun. Was jedoch hilfreich und befreiend ist, ist ihnen zu helfen, sich eine neue Existenz in dieser Welt vorzustellen. So können wir sehen, dass eine Neugestaltung uns Sicherheit gibt und dass wir selbst neu/anders werden können. Als Kirche sind wir hoffnungslos süchtig danach, Macht auf dominante und destruktive Art auszuüben. Wir brauchen jetzt Hilfe, damit wir uns vorstellen können, wie der Jesus-Weg des Starkseins in der Welt aussieht. Dieser Reflektionsprozess muss auf allen Ebenen stattfinden. Es müssen die unterschiedlichsten Stimmen gehört werden: sowohl die Stimmen derjenigen, die von der Kirche Verletzungen erfahren haben, als auch die Stimmen derjenigen, die durch sie genesen sind ebenso wie die Stimmen jugendlicher kritischer Geister, die Stimmen von Frauen usw. Der Glaube, dass Gott nur durch die ordinierten Mitglieder der Kirche verbindlich und mit Autorität spricht, ist eine Ansicht, die typisch ist für die beschädigte/mit Makeln behaftete Kirche, die wir aufgeben und hinter uns lassen müssen.

 

Schritt 6: Schlussfolgerung

Es ist ein ernstes Zeichen von Dysfunktion, wenn eine Institution versucht, eine Diskussion über bestimmte Themen zu verhindern. Eine Kirche, die sich auf den Weg der Genesung befindet, hat keine Angst vor einer Diskussion über Sexualität, Autorität und Macht. Im Gegenteil: Eine Kirche, die Diskussionen führt, wird in der Lage sein, mit erneuerter Glaubwürdigkeit zu diesen Themen zu sprechen in einer Welt, die dringend ihrer Anleitung diesbezüglich bedarf.

 

Zu guter Letzt wird eine Kirche auf dem Weg zur Genesung selbstsicher sagen können, dass sie an sich selbst glaubt. Jeden Sonntag sagen wir in der Messe „ich glaube an die Kirche". Tun wir das wirklich? Möge unser Genesungsprozess uns zur Fülle des Leibes Christi führen, den wir immer mit den Worten feiern „ich bekenne Gott, dem Allmächtigen“ und „vergib uns unsere Sünden“. 

 

Übersetzt von Dr. R. Menge und übermittelt von Dr. Lioba Zodrow, Essen und Wolfgang Dettenkofer, Bad Endorf

 

 

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