Der gute Hirt als Gegenbild zu Dieben und Räubern

15.05.2011, Markus Schlagnitweit

 

Der Oberösterreichische Hochschulseelsorger Markus Schlagnitweit legte am 15. Mai 2011 in der ORF-Sendung "Erfüllte Zeit " das Gleichnis vom Hirten und der Herde im Johannesevangelium (Joh 10,1-10) aus. (Erfüllte Zeit 15. 05. 2011, 7.05 Uhr - 8.00 Uhr, Österreich 1)

 

Dieses Gleichnis vom guten Hirten ist mit Vorsicht zu genießen – zumal in einer Kultur, die vom Hirtenleben kaum mehr etwas versteht. Da sind Missverständnisse vorprogrammiert. Und in einer Religionsgemeinschaft wie meiner römisch-katholischen Kirche, wo sich ganze Berufsbilder, Amtstheologien und Mitgliederstrukturen an diesem Gleichnis orientieren – da wiegen Fehlinterpretationen dann besonders schwer. Ich habe auf zahlreichen Weitwanderungen durch entlegene Gegenden Südost-Europas und des Orients wirkliche Hirten bei ihrer Arbeit beobachtet und mich mit ihnen darüber unterhalten. Und ich habe dabei viel Interessantes erfahren. Das Wichtigste: Normalerweise geht ein Hirte seiner Herde nicht voran, sondern immer hinterher. – Das steht im Widerspruch zum Evangelium. Dieses spricht ja von einem Hirten, der seiner Herde vorausgeht. Das kommt in der Realität eigentlich nur in einer Situation vor: In der extremen Wüste, wo Herdentiere offenbar auf das überlieferte Orientierungswissen ihrer Hirten angewiesen sind. Aber die Wüste ist nicht der Normalfall für eine Herde. Ich neige deshalb dazu, das biblische Bild vom vorangehenden Hirten ausschließlich der Person Jesu zuzusprechen. Eine Übertragung auf andere Personen ist problematisch. An Jesus allein haben Christinnen und Christen sich zu orientieren.

 

Tatsächlich steht aber besonders die römisch-katholische Kirche ständig in Gefahr, dass ihre Amtsträger sich an die Stelle des einen guten Hirten setzen und sich so gebärden, als ob die Kirche ihnen gehörte: Sie wollen bestimmen und vorangehen. Sie legen autoritativ fest, wohin die Herde zu gehen hat. Sie glauben, am besten zu wissen, was für die Herde gut ist und was nicht. Sie bestimmen auch das Tempo der Herdenwanderung. Und wer will bestreiten, dass sie in den vergangenen Jahren ziemlich gebremst und lieber in Kauf genommen haben, dass ungeduldige „Schafe“ aus der Herde davongerannt sind, als dass sie die Schwerfälligen und Bremser angetrieben hätten? – So aber funktionieren Herden nun einmal nicht.

Meine echten Hirten haben mich jedenfalls anderes gelehrt: Ihre Tiere – haben sie mir stets versichert – wüssten in aller Regel selbst, wo sie das beste Futter fänden. Sie halten sich normalerweise an die vorhandenen Wasserläufe und wandern diese entlang. Dort findet man dann alle auch leicht wieder. Die Aufgabe der Hirten besteht also gerade nicht darin, die Wege der Herde zu bestimmen. In der Regel koordinieren sie mit ihren Rufen die Herden lediglich so, dass sie sich nicht allzu weit verstreuen. – Am schwierigsten aber – so haben mir meine Hirten versichert – am schwierigsten sei eigentlich der Umgang mit den langsamen Tieren: Jene, die nicht mithalten können – etwa weil sie krank oder verletzt sind –, müssen oft überhaupt abgesondert werden. Jene aber, die nicht mit der Herde weiterziehen wollen, weil sie sich lieber mit den alten Futterplätzen begnügen – die brauchen ab und zu schlichtweg einen Tritt in den Hintern. Denn jeder gute Hirte weiß: Eine Herde muss in Bewegung bleiben, darf nie zu lange am selben Platz verharren, weil sie sonst die eigenen Ausscheidungen mitfrisst und davon krank wird.

 

Was das wohl alles für meine Kirche bedeuten könnte: Für die beständige Notwendigkeit von Veränderung und Neuaufbruch etwa, bzw. für den Umgang mit der Spannung zwischen reformorientierten und traditionsverliebten Kräften! Oder was müsste es doch für ein gesundes Selbstbewusstsein der so genannten „Laien“ bedeuten, wenn die Hirten meiner Kirche den besten „Riecher“ für gute Nahrung nicht sich selbst zusprächen, sondern ihrer Herde! – Genau dieses Zutrauen fehlt mir aber allzu oft. Stattdessen überwiegt der Eindruck wachsender Entfremdung.

Entfremdung! – Beklemmend dazu das Wort dieser Evangelienstelle: „Einem Fremden ... werden sie – die Schafe der Herde – nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme des Fremden nicht kennen.“ Und weiter: „Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte.“ – Ist mit diesen Worten am Ende der aktuelle Zustand der real existierenden römisch-katholischen Kirche beschrieben? Ist die hier angesprochene Fluchtbewegung nicht längst in Gang? Und aus Gründen, die das Evangelium selbst beschreibt! – Verlassen nicht viele Menschen die Kirche, weil sie in der Stimme ihrer Oberhirten nicht mehr die Stimme des einen guten Hirten erkennen können? Weil sie – im Gegenteil! – manche ihrer angeblichen Hirten stattdessen als gemeine Diebe erfahren mussten, die nicht gekommen waren zu hüten, sondern um – etwa sexuell – auszubeuten und ihren Machthunger zu stillen? Und viele Menschen gehen wohl auch deshalb davon, weil jene, die in Nachfolge der Apostel das Hirtenamt für sich reklamieren, das Gleichnis von Hirte und Herde immer noch nicht verstanden zu haben scheinen oder nicht verstehen wollen.

 

Meine Kirche feiert ausgerechnet heute den „Weltgebetstag für geistliche Berufe“. Nun, so ein Gebet ist vor diesem Hintergrund wohl besonders wichtig und gut. In den Ohren sollten die Betenden damit aber nicht Gott liegen. Die Schwerhörigen und Begriffsstutzigen sind ganz woanders.

 

 

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