Predigt 16.SoJk A / Weish 12, 13.16-19 + Mt 13,24-30 / 17. Juni 2011, Neu-Rum
Mag. Ursula Teißl-Mederer

Mag. Ursula Teißl-Mederer, 17.06.2011

 

Liebe Pfarrgemeinde,

wissen Sie, was „Lolch“ ist? Ich gestehe, ich hab es bis vor kurzem noch nicht gewusst – und das, obwohl ich mir hin und wieder eine Gartenzeitschrift kaufe und einige Bücher über ökologischen Gartenbau in meinem Regal stehen. Der „Lolch“ ist jenes Unkraut, von dem Jesus in dem Gleichnis vom Himmelreich spricht, das wir heute gehört haben. Und dieses Unkraut bildet ein Gift aus, das zu Gleichgewichtsstörungen und Kreislaufschwierigkeiten bis zum Atemstillstand führt. Er ist wirklich ein Hund, der Lolch: Denn anfangs sieht er dem Weizen täuschend ähnlich. Erst wenn sich die Ähren ausbilden, lässt es sich sicher unterscheiden. Zu diesem Zeitpunkt aber sind die Wurzeln der einzelnen Halme schon so miteinander verwachsen, dass man beim Unkrautjäten unweigerlich auch den Weizen mit ausreißen oder ihn zumindest schädigen würde.

 

Es ist also durchaus vernünftig, wenn der Gutsherr seinen Knechten befiehlt, zunächst einmal alles wachsen zu lassen und das Aussortieren erst bei der Ernte vorzunehmen. Unser menschliches Urteilsvermögen reicht nicht aus um zu erkennen, ob etwas am Ende gut oder giftig ist, und unsere Werkzeuge sind zu wenig fein, um allein das Schlechte entfernen zu können; das Gute würde unweigerlich ebenfalls Schaden nehmen.

So weit, so vernünftig. Mit dem Wissen um die spezielle Eigenart dieses Unkrauts, des Lolch, würde wohl jeder Bauer so handeln, wie Jesus es im Gleichnis vorschlägt: schlicht um nicht mehr Schaden als Nutzen zu verursachen.

 

Die eifrigen Knechte im heutigen Evangelium wären allerdings sofort dabei, mit dem Unkraut aufzuräumen – Jesus hält sie zurück und schenkt uns damit ein Lehrstück für unser Mitbauen am Reich Gottes. Er sagt uns ganz klar, dass es nicht unser Job ist, das „Schlechte“ auszureißen.

 

Die Versuchung ist groß zu sagen: „Die Welt könnte so schön sein, wenn alles Üble vernichtet wäre“. Immer, wenn Menschen in der Geschichte allzu sicher zu wissen glaubten, was Weizen ist und was Unkraut, was wachsen soll und was „ausgemerzt“ gehört, ist großes Unrecht geschehen und sind unsagbare Grausamkeiten begangen worden – von der Inquisition und Hexenverfolgung der frühen Neuzeit bis zum systematischen Vernichten von sogenannten „unwertem Leben“ unter dem NS-Regime. Wenn Menschenleben nur mehr unter dem Aspekt der Nützlichkeit und Dienlichkeit betrachtet werden, dann wird die Lehre Jesu verraten.

 

Erich Fried hat in einem Gedicht diese enge, todbringende Haltung beschrieben. Es heißt darin:

 

Die Faulen werden geschlachtet, die Welt wird fleißig.

 

Die Hässlichen werden geschlachtet, die Welt wird schön.

 

Die Narren werden geschlachtet, die Welt wird weise.

 

Die Kranken werden geschlachtet, die Welt wird gesund.

 

Die Alten werden geschlachtet, die Welt wird jung.

 

Die Traurigen werden geschlachtet, die Welt wird lustig.

 

Die Feinde werden geschlachtet, die Welt wird freundlich.

 

Die Bösen werden geschlachtet, die Welt wird gut.

                                                                                Erich Fried, Die Maßnahmen

 

Die beklemmende Aussage dieses Gedichtes ist: Übrig bleibt - eine Welt voller Schlächter!

 

Niemand hat das Recht, vor der Ernte zu urteilen und auszusortieren. Aufgabe der Knechte ist es zu schauen, dass alles gut wachsen  kann - nicht aber „Polizei“ zu spielen!

 

Doch gerade, wenn es um das Himmelreich geht oder zu gehen scheint, sehen manche Knechte die Reinheit des Saatguts gefährdet und rufen nach Unkrautvernichtungsmitteln.

Und mich erschreckt es sehr, wenn heute junge eifrige Kirchengärtner meinen, sie hätten Unkraut in den Weizenfeldern des katholischen Klerus entdeckt, und wenn sie dann in Leserbriefen ihren eigenen Mitbrüdern absprechen, gutes Korn zu sein ...

 

Wir dürfen die Unterscheidung, wer nun zum Weizen und wer zum Unkraut gehört, getrost Gottes Gericht am Ende der Zeiten überlassen. Gott wartet ganz gelassen die Zeit der Ernte ab, er vertraut der Stärke des Weizens und fürchtet das Unkraut nicht - und es kann gut sein, dass dieser Tag des Gerichts ein Tag des Staunens sein wird ...

 

Die Botschaft Jesu im Matthäus-Evangeliums ist nämlich klar: selig sind die, die auf Gewalt verzichten. Uns wird zugemutet, unsere Feinde zu lieben; und Jesus verkündet, dass Gott die Sonne aufgehen lässt über Guten und Bösen, und dass er es regnen lässt über Gerechten und Ungerechten. Und wenn man der Meinung ist, dass ein Bruder oder eine Schwester sündigt, dann soll man ihn oder sie zunächst unter vier Augen zurechtweisen, nicht aber in der Tageszeitung.

 

Verkündet Jesus im Matthäus-Evangelium einen Gott für Softies?

 

Die heutige Lesung aus dem Buch der Weisheit hat uns schon die Antwort geschenkt (und wir wollen ihnen diese Worte heute sozusagen als „Seelennahrung“ für diese Woche mit nach Hause geben) :

Eben weil Gott stark ist, ist er gerecht; weil er stark ist, übt er Nachsicht und richtet in Milde. Nur wer schwach ist, muss drohen, strafen und ausgrenzen.

Gottes barmherziges Handeln lehrt uns - sein Volk -, dass Gerechtigkeit nicht Härte, sondern Menschenfreundlichkeit bedeutet, und dass bei ihm kein Mensch als Unkraut gilt.

 

„Geh und handle genauso“...

Amen.

 

 

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