Identität als Verbundenheit

29.12.2012, Helmut Rohner

 

In der Vergangenheit geschah es oft und regelmäßig, dass die Menschen ihre Identität durch Abgrenzung von allen andern bestimmt haben.
Ich bin nicht du.
Wir sind nicht ihr.

Diese Abgrenzung wurde oft auf zweifache Weise verschärft.
Erste Verschärfung: Ich bin nicht wie du. Ich möchte auch nicht sein wie du.
                             Wir sind nicht wie ihr. Wir sind besser als ihr.

 

Zweite Verschärfung: Wir sind die Besten.
Wir sind das beste Volk,
wir haben die beste Regierung,
wir haben die höchstentwickelte Kultur.
wir haben nicht nur die beste, sondern die einzig richtige und einzig heilbringende Religion.

 

Folgen einer solchen Bestimmung der Identität sind:
Wir begegnen den Andern mit Misstrauen, Angst und Vorurteilen.
Wir nehmen sie nicht so ernst wie uns selber.
Es gibt keinen Dialog auf Augenhöhe. Unsere Ansichten sind richtiger als ihre.

 

Schlussfolgerung: So kommen die Menschen nicht zusammen. Selbst wenn sie einander begegnen und miteinander reden, verstärkt dies meist nur die bestehenden Vorurteile.
„Schon bevor ich sie kennen lernte, wusste ich, dass die so sind. Jetzt habe ich den Beweis in der Hand. Ich habe mich nicht getäuscht.“

 

Heute sind viele Menschen in der Lage, ihre Identität durch Verbundenheit statt Abgrenzung zu bestimmen.
Ich bin ich und du bist du. Und das ist gut so.
Wir sind wir und ihr seid ihr. Und so soll es sein.

 

Identität aus Verbundenheit ergibt sich am einfachsten und deutlichsten, wenn wir zuerst das Ganze, d.h. das Universum in den Blick nehmen.

 

Wenn wir daran glauben, dass Gott das Universum geschaffen hat, dann können wir darauf vertrauen, dass es als Ganzes gut ist.

 

Es gibt Billionen von Geschöpfen Gottes. Auch ich bin eines davon. Als Geschöpfe Gottes gehören wir alle zusammen.

 

Es gibt Millionen von Menschen. Auch ich bin einer davon. Wir Menschen bilden die große Menschheitsfamilie. Wir besitzen alle dieselbe Würde. Wir sind einander ebenbürtig.

 

Es gibt viele Völker. Eines davon ist meines. Jedes dieser Völker hat gute und schlechte Seiten. Die Begegnung der Völker kann dem einzelnen Volk helfen, sich weiter zu entwickeln.

 

Es gibt viele Kulturen. In einer oder mehreren fühle ich mich zu Hause. Jede Kultur kann von den andern vieles lernen.

 

Es gibt viele Religionen. Keine darf sich einbilden, die einzig richtige zu sein, weil Gott in allen Völkern und Kulturen gegenwärtig und am Werke ist. Es ist also durchaus möglich, dass Gott mir oder uns etwas Wichtiges sagen möchte, durch eine Religion, die nicht die unsrige ist. Wenn ich also ganz offen sein will für Gott, darf ich mich den andern Religionen nicht verschließen.

 

In allen Religionen gibt es viele Richtungen. Das gilt auch für meine Religion. Einer dieser Richtungen gehöre ich an. Hier ist mein religiöses und geistliches Zuhause. Es bereitet mir keine Schwierigkeiten, zu akzeptieren und zu respektieren, dass jemand anderer sich anderswo zu Hause fühlt.

 

In dieser Sicht bin ich mit allem und allen von vornherein verbunden. Ich bin integrierender Teil des Ganzen. Überall gehöre ich dazu, bevor ich mir Gedanken darüber mache. Es ist wichtig und heilsam für mich und für alle andern, diese Gedanken der All-Einheit, der All-Zusammengehörigkeit zu pflegen und zu vertiefen. Gegenstandslose Meditation kann mir dabei eine große Hilfe sein. Ich soll ja in mir eine Empathie für alles Seiende entwickeln. Ich gehöre zum Ganzen, ob ich will oder nicht. Doch besser ist, wenn ich bewusst und gerne dazu gehöre, wenn ich bereit bin, mein kleines Scherflein zur Evolution und zur Harmonie des Ganzen beizutragen.

 

In diesem Welt- und Gottesbild ist meine Identität wunderbar aufgehoben und braucht sich von nichts und niemandem abzugrenzen. Fremdenfreundlichkeit wird meiner Identität nur gut tun, wird sie stärken.

 

Jemand könnte einwenden: Ich habe viel mit allen andern gemeinsam. Dadurch weiß ich mich mit den andern verbunden. Doch um meine Identität zu bestimmen, muss ich auch wissen, worin ich mich von den andern unterscheide. Wenn ich sage: „Du unterscheidest dich von mir in diesem und jenem Punkt “, dann kommt das doch einer bestimmten Abgrenzung gleich oder nahe.

 

In der anfangs erwähnten Sichtweise der Vergangenheit werden Unterschiede tatsächlich als Begründung einer Abgrenzung gesehen. Wenn du anders bist als ich, dann ergibt sich daraus eine gewisse Distanz zwischen uns. Wenn wir gegensätzliche Charaktere sind, werden wir uns schwer tun, einander zu verstehen und zu vertrauen. In dieser Sichtweise werden also Abgrenzungen leicht als notwendig betrachtet.
In der neuen Sichtweise sind Unterschiede kein Grund für Abgrenzungen. Unterschiede machen den Andern oder die Andern erst recht interessant. Aus den Unterschieden können wir genau so viel oder sogar mehr lernen als aus den Gemeinsamkeiten. Unterschiede können als  Reichtum verstanden werden. Über Unterschiede kann ich mich also freuen und versuchen sie fruchtbar für beide Seiten zu machen.

 

Anmerkung:
Als Individuum brauche ich Abgrenzungen gegenüber den Andern, damit ich selbst und selbstständiger Gestalter meines Lebens sein und bleiben kann. Doch diese notwendigen Abgrenzungen beziehen sich nicht auf Unterschiede, sondern auf mögliche und tatsächliche Übergriffe von Seiten des oder der Andern. Wenn sie mich manipulieren, mir etwas überstülpen, mich beherrschen wollen, dann  muss ich mich natürlich wehren, dann muss ich mich abgrenzen.

 

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