Ziehen wir unter ein Dach!
Warum sich die christlichen Kirchen radikal annähern müssen – und der Papst ein Papst für alle sein sollte.

17.04.2014, Frère Alois Löser

 

Die Süddeutsche Zeitung vom 17.04.2014 brachte in der Rubrik "Außenansicht" einen Artikel von Frère Alois Löser, dem Prior der ökumenischen Communauté de Taizé in Burgund und Nachfolger des 2005 ermordeten Gründers der Gemeinschaft Frère Roger Schutz.

 

 

 

Das Zusammenwachsen und die Vereinheitlichung der Welt wird vielfach als Bedrohung empfunden. Man möchte sich deshalb von anderen unterscheiden, auch unter Christen: Zwar gab es weltweit noch nie so viel Verbundenheit unter ihnen wie heute, aber es gab auch noch nie so viele verschiedene Kirchen und christliche Gemeinschaften. Dabei wird das Unterscheidende oft als eine Chance dargestellt, um den Bedürfnissen und Neigungen möglichst vieler Menschen entgegenzukommen; und zweifelsohne versammeln auch die ständig neu entstehenden christlichen Gemeinschaften Menschen, die Christus aufrichtig lieben. Ist die sichtbare Gemeinschaft der Christen also überhaupt erstrebenswert? Können wir sie uns noch vorstellen?

 

  Christus, der Auferstandene, führt Menschen aller Herkunft, Sprachen und Kulturen, und sogar verfeindete Völker in eine Gemeinschaft zusammen. Jesus betete vor seinem Leiden: „Alle sollen eins sein.“ Das verpflichtet die Christen, nach sichtbarer Gemeinschaft zu suchen. Dieser Suche kommt auch für die Zukunft der Menschheit eine besondere Verantwortung zu. Nicht nur unter Christen wächst die Einsicht, wie notwendig weltweite Solidarität ist. Durch ihre gelebte Gemeinschaft könnten Christen Vorreiter einer neuen Solidarität sein.

 

  Ich möchte deshalb die Frage stellen: Müssen die christlichen Kirchen nicht einen mutigen Schritt tun und sich unter ein gemeinsames Dach begeben – und zwar noch bevor in allen theologischen Fragen eine Einigung erreicht ist? Natürlich dürfen sie diesen Fragen nicht aus dem Weg gehen, aber die Christen dürfen nicht vergessen, dass in Christus die Einheit bereits besteht: Er selbst ist nicht geteilt. Dies könnten die verschiedenen Kirchen auch konkret zum Ausdruck bringen, wenn sie feststellen, dass die Unterschiede, die im Ausdruck des Glaubens bestehen, sie eigentlich nicht trennen. Es wird immer Unterschiede geben; sie sind eine Herausforderung, offen miteinander zu sprechen, und können auch eine Bereicherung sein.

 

  In Taizé erleben wir immer wieder, wie auch nichttheologische Faktoren die Gemeinschaft der Christen erschweren: Wunden aus der Vergangenheit, die an die nächste Generation weitergegeben werden, kulturelle Gegensätze, psychologische Blockaden und eingefahrene Gewohnheiten machen die Verständigung schwer.

Der Ausdruck „unter ein Dach ziehen“ entspringt unserer Erfahrung in Taizé. Wir leben als Brüder unterschiedlichster Herkunft und Vergangenheit unter dem Dach eines Hauses und beten täglich gemeinsam mit vielen Jugendlichen, mit evangelischen, katholischen und orthodoxen Christen aus der ganzen Welt unter dem Dach unserer Versöhnungskirche. Wenn wir gemeinsam beten, vereint uns der Heilige Geist bereits. Warum kommen die Christen nicht auch andernorts öfter unter einem Dach zusammen, um gemeinsam zu beten, sich besser kennenzulernen und auszutauschen? Vielerorts gibt es diese Zusammenarbeit schon: in der Bibelauslegung, Sozialarbeit, Seelsorge, im Religionsunterricht. Es ist dort schon genug Vertrauen gewachsen, um noch viel mehr gemeinsam zu tun.

 Wir Christen können auf verschiedenen Ebenen „unter ein Dach ziehen“, als Ortsgemeinden, aber auch als Nachbarn und Familien, indem wir uns zu Gebet, Austausch und gegenseitiger Hilfe zusammentun, und so konkret zum Ausdruck bringen, dass wir zusammengehören. Jede Gemeinde könnte ab sofort alles mit den Christen der anderen Konfessionen gemeinsam tun, was gemeinsam getan werden kann, und nichts mehr unternehmen, ohne auf die anderen Rücksicht zu nehmen.

 

  Und wie kann dieser Schritt auf universeller Ebene aussehen? Es ist eine Tatsache, dass keine christliche Stimme so viel Beachtung findet wie die des Bischofs von Rom. Er wird von vielen als Sprecher der weltweiten Christenheit wahrgenommen. Es wäre denkbar, dass er sein Amt noch mehr als Dienst an der Gemeinschaft aller Christen versteht und ausübt, so dass Christen verschiedener Traditionen seine Verantwortung für die Gemeinschaft unter allen anerkennen können.

 

  Nach seiner ersten Begegnung 1959 mit Papst Johannes XXIII. stellte Frère Roger, der Gründer der Communauté de Taizé, der Gemeinscahft von Taizé, die Frage: „Wenn schon jede Ortsgemeinde einen Hirten braucht, um immer wieder die zur Gemeinschaft zurückzuführen, die sich zerstreuen, wie sollte da eine sichtbare Gemeinschaft unter allen Christen auf der Erde ohne einen universalen Hirten möglich sein? Nicht als Spitze einer Pyramide, nicht als Haupt (das Haupt der Kirche ist Christus), sondern im Herzen.“

 

 Die Anerkennung dieses Dienstamtes bedeutete für Frère Roger keinen Bruch mit seiner eigenen evangelischen Herkunft. Während des Europäischen Jugendtreffens im Jahr 1980 in Rom sagte er anlässlich eines gemeinsamen Gebets im Petersdom: „Ich habe meine Identität als Christ darin gefunden, in mir den Glauben meiner Herkunft mit dem Geheimnis des katholischen Glaubens zu versöhnen, ohne mit irgendjemandem die Gemeinschaft zu brechen.“

 

 Dieses Dienstamt eines „universalen Hirten“ könnte vor allem darin bestehen, immer wieder als erster auf die anderen zuzugehen. Das Dach des gemeinsamen Hauses der Christen ist Christus: „Er ist über das Haus Gottes gesetzt, sein Haus aber sind wir“, heißt es in der Bibel. Der Bischof von Rom aber könnte unter seinen Brüdern und Schwestern unablässig von einem zum anderen gehen, um die Harmonie des gemeinsamen Lebens unter dem einen Dach zu fördern. In einem Interview hat kürzlich der neue Papst Franziskus gesagt: „Wir müssen vereint in den Unterschieden vorangehen. Es gibt keinen anderen Weg, um eins zu werden. Das ist der Weg Jesu.“

 

In der Geschichte der getrennten Kirchen galt der Papst oft als Hindernis auf dem Weg zur sichtbaren Gemeinschaft. Das erstaunlich positive Echo, das Papst Franziskus auch bei vielen nichtkatholischen Christen findet, ist ein Zeichen der Zeit. Das Dienstamt eines „universalen Hirten“ braucht niemanden zu bedrohen oder zu verdrängen. Je mehr Mitarbeiter Gottes mit Christus sammeln und nicht zerstreuen – desto besser! Der Bischof von Rom kann alle unterstützen, die in den verschiedenen Kirchen einen Dienst der Gemeinschaft ausüben.

 

  Ziehen wir unter ein Dach, um, wie Papst Franziskus es formuliert hat, „das, was der Geist in den anderen gesät hat, nicht nur besser zu kennen, sondern vor allem auch besser anzuerkennen als ein Geschenk auch an uns“.

 

Der katholische Theologe Frère Alois Löser , 59, ist Prior der ökumenischen Communauté de Taizé in Burgund und Nachfolger des 2005 ermordeten Gründers der Gemeinschaft Frère Roger Schutz.

 

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