Papst Franziskus: Kommunikator, nicht Diktator

13.03.2014, von PETER PAUL KASPAR  (Die Presse)

 

Der folgende Artikel von Peter Paul Kaspar erschien am 13.03. 2014 in der Tageszeitung "Die Presse"

 

Vor einem Jahr wurde der Argentinier Jorge Mario Bergoglio neues Oberhaupt der Katholiken weltweit. Inzwischen ist in Umrissen erkennbar, dass er eine schrittweise Kirchenreform anstrebt und dabei fünf Ziele verfolgt.

 

Ein Jahr nach der Papstwahl befindet sich die katholische Kirche in einer Generalrenovierung. In den letzten Jahrhunderten gab es das zweimal: vor knapp 150 Jahren autoritär-zentralistisch unter Pius IX. im Ersten Vatikanischen Konzil von 1870 mit Unfehlbarkeit und Jurisdiktionsprimat; und 1962–1965 im vom populären Papst Johannes XXIII. einberufenen, wenigstens teilweise geglückten Reformkonzil, dem ersten Vaticanum.

Diese Renovierung ist nicht zur Gänze geglückt, weil sich der nachfolgende Papst, Paul VI., zwei Entscheidungen vorbehielt und sie in den Jahren 1967/68 dann autoritär traf: die Beibehaltung des Priesterzölibats und die Empfängnisverhütung. Die verhängnisvollen Folgen sind bekannt.

 

Die fünf Ziele des Papstes

Franziskus, der gegenwärtige Papst, strebt das Ziel einer geschwisterlich-dezentralen Kirche an. Er wendet sich besonders den benachteiligten und unterdrückten Menschen zu. Um seinen Plan nicht zu gefährden, delegiert er den geplanten Umbau, lässt ihn jedoch an vielen Aussprüchen, seiner Enzyklika und einigen Maßnahmen erkennen; etwa einer internationalen Kardinalskommission, der Kurienreform und der einberufenen Bischofssynode zu den Problemen Ehescheidung und Empfängnisverhütung, samt einer Umfrage zu ihrer Vorbereitung.

Das unausgesprochen dahinterstehende Konzept lässt die Absicht schon in Umrissen erkennen: eine schrittweise Kirchenreform. Sie zeichnet sich bereits in fünf wesentlichen Zielen ab.

 

• Erstens: Umbau von einer autoritär-zentralistischen zu einer partnerschaftlich-universalen Kirche.

Unter Franziskus, der sich nach seiner Wahl nicht als Papst, sondern als Bischof von Rom vorstellte, bekommt das Primat ein anderes Gewicht. Anscheinend ein reduziertes, weil nicht mehr die gottgewollte und gottähnliche universale Vollmacht im Vordergrund steht. Tatsächlich bekommt er jedoch eine gesteigerte Bedeutung, weil er die Bischöfe der Welt mit in die Verantwortung nimmt. Ein Papst, der von der Spitze so weit „zurücktritt“, dass er nicht Diktator, sondern Kommunikator ist, entlastet sein Amt von der ohnehin prekär-volkstümlichen „Stellvertretung Gottes“ und gewinnt so an Glaubwürdigkeit durch Person und Amt: ein Primus inter Pares. Denn die klassische „Kollegialität“ der Bischöfe ist eine bessere Fortführung des Apostelamtes als eine religiös-theologische Diktatur.

 

• Zweitens: von der dominanten Kirche im Konzert der Mächtigen zu einer dienenden Kirche der Armen.

Die großteils wohlhabenden Bürgerkirchen Europas und Nordamerikas leiden an Besucherschwund, die weltweit stärkste ist jedoch die arme Kirche in Lateinamerika. Dass sich Franziskus den Armen und Benachteiligten zuwendet, ist keine bloß persönliche Vorliebe, sondern im Evangelium begründet. Franziskus hat dies seit den ersten Stunden seines Amtes in der Schlichtheit seines Lebensstils, in Wohnung, Kleidung und Sprache stärker und überzeugender zum Ausdruck gebracht als manche Lehrschreiben, Hirtenbriefe und soziale Aufrufe bisher.

Seine stärkste Predigt ist sein Leben und seine authentische Ausstrahlung fern rhetorischer Gelehrsamkeit. So tritt die Orthodoxie hinter der Orthopraxie zurück. Rechtgläubigkeit erweist sich nicht an der Sprache, sondern an der Tat.

 

• Drittens: von der dogmatisch-liturgischen Einheitlichkeit zu einer Vielfalt in Lehre, Liturgie und Kultur.

Die immer wieder beschworene Einheit der katholischen Kirche erweist sich leicht als trügerische Einheitlichkeit, wenn sie nicht aus innerer Einsicht entsteht, sondern bloß formal-äußerlich aus Gehorsam. Man bedenke, dass ein großer Teil von Kirchenlehre und Gottesdienst vielen Gläubigen gar nicht bekannt und oft nur aus dem Geist längst vergangener Zeit zu verstehen ist.

Zwar werden seit dem letzten Konzil die Gottesdienste aus guten Gründen in der Landessprache gefeiert. Aber sind sie deshalb schon allgemein verständlich, in der Sprache und den Symbolen der Gegenwart und des konkreten Lebens? Manchmal scheint es, als wäre die Fremdheit in lateinischer Sprache leichter zu ertragen gewesen als in der Muttersprache. Hier muss echte „Übersetzung“ erst geleistet werden.

 

• Viertens: von einer moralisierenden Kirche strenger Gesetze zu einer barmherzigen Kirche des Mitleids und der Liebe.

Das Kirchenrecht macht viele bemühte Mitglieder der Kirche zu notorischen Sündern: Ehescheidung und Zweitehe gelten als Ehebruch mit der Folge lebenslangen Ausschlusses von den Sakramenten. Die eigentlich vorgeschriebene alljährliche Beichte ist längst vergessen und wäre auch nicht zu bewältigen, denn die Priester sind im Aussterben, der Zölibat hat weitgehend Sinn und Glaubwürdigkeit verloren. Frauen fühlen sich diskriminiert, Homosexuelle erst recht. In der schon einberufenen Bischofssynode soll beraten werden, worin man gütiger, konzilianter, vielleicht auch versöhnlicher sein kann: helfen statt strafen, trösten statt verurteilen. Ein Papst, der sich beraten lässt, mag allein schon als gutes Zeichen gelten, dass sich die Kirche erneuern kann und wird.

 

• Fünftens: von einer exklusiven Kirche mit Absolutheitsanspruch zu einer Kirche der Offenheit für alle Menschen guten Willens.

Seit die katholische Kirche darauf verzichtet, die Anders- und Ungläubigen gleich kollektiv in die Hölle zu schicken, ist sie auch bereit, in den verschiedenen Konfessionen und Religionen eine kirchen- und religionsübergreifende „Ökumene“ zu sehen. Wenn sie Toleranz für Tolerante übt, hat sie nur den ersten Schritt getan. Der zweite Schritt bestünde aber darin, fundamentalistischen Positionen Großzügigkeit entgegenzusetzen.

Hier hat die Kirche noch viel zu lernen und einzuüben – zuerst bei den eigenen dissidenten Gruppen, dann bei den religiös und säkular Andersdenkenden, zuletzt bei „allen Menschen guten Willens“.

 

Kirche wird bunter werden

Es ist noch viel zu tun. Franziskus hat sich viel vorgenommen: für sich, sein Amt und für eine offene Kirche. Es ist wohl eine Frage der intellektuellen Redlichkeit, auch zu sagen, was dann der Vergangenheit angehören wird: der bisher eingeforderte und immer weniger gelingende absolute Gehorsam; der Versuch, Glaubenswahrheiten für alle künftigen Zeiten in unveränderliche Formeln einzufangen; das Bemühen, Einheit durch Einheitlichkeit herzustellen.

Doch das wird die Kirche bunter machen, vor allem aber wahrhaftiger und letztlich toleranter – nach innen und nach außen. Das hohe Alter des Bischofs von Rom lässt erkennen, dass er diesen Reformweg nur beginnt, zuerst mit den besonders drängenden Fragen wie Ehe und Empfängnisverhütung. Amtsfragen, wie Bischofsbestellung, Zölibat und Frau in der Kirche, brauchen wohl noch ihre Zeit. Franziskus, dem Bischof von Rom, ist dabei Kraft und Geschick zu wünschen.

 

Zum Autor:

Peter Paul Kaspar (*1942 in Wien) studierte Musik und Theologie in Wien und Innsbruck. War Jugend- und Studentenseelsorger in Wien, danach Akademiker- und Künstlerseelsorger in Linz. Er unterrichtete Religion am Gymnasium und lehrte Kirchenmusik an der Anton-Bruckner-Universität, verfasste über 30 Bücher, ist Vorstandsmitglied der Pfarrerinitiative.

 

 

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