Weltkirchenzentrale lässt Amazonasgemeinden im Stich
Zum nach-synodalen Schreiben „Querida Amazonia“ vom 12.02.2020

Pressemeldung

Wien, 13.02.2020 | Die katholischen Kirchenreformbewegungen in Österreich stellen dem nach-synodalen Papstschreiben „Querida Amazonia“ ein schlechtes Zeugnis aus. Entgegen aller Hoffnungen und Erwartungen würden die Gemeinden und Bischöfe Amazoniens mit den wichtigsten Fragen auch in Zukunft alleingelassen – die dringend nötige Erneuerung des Priesteramtes bleibe aus.

 

„Auch wenn wertzuschätzen ist, wie deutlich sich Papst Franziskus für die Lebenschancen der indigenen Völker als deren derzeit wohl prominentester Anwalt einsetzt – die katholischen Gemeinden Amazoniens und deren Bischöfe werden mit dem nachsynodalen Schreiben ‚Querida Amazonia’ mit ihren Bedürfnissen und Problemen im Stich gelassen“, kritisiert Helmut SCHÜLLER, Pfarrer in Probstdorf und Sprecher der Pfarrer-Initiative das Schreiben. Es stelle sich die Frage, wie die Amazonas-Gemeinden zu der Kraft kommen sollen, die sie brauchten, um den Menschen im Sinne der päpstlichen Vision nah zu sein – wenn die Frage des priesterlichen Dienstes ungelöst bleibt. „Wie sollen Frauen aus der zweiten Reihe Gemeinden leiten? Wir kommen nicht weiter, wenn die Geweihten in wesentlichen Reformfragen weiter um sich selbst kreisen, bei der Verteidigung ihrer Weihevollmacht verharren. Ein wirklich neuer Reformansatz ist überfällig. Der kann, wie es scheint, nur mehr von unten, von den Gemeinden selbst ausgehen. Wir hoffen, dass jetzt die Amazonasgemeinden den Mut finden, in die Offensive zu gehen: durch Auswahl und Vorschlag geeigneter KirchenbürgerInnen – Männern wie Frauen – zum priesterlichen Dienst“, so Schüller weiter.

 

Martha HEIZER, Vorsitzende der Plattform „Wir sind Kirche“ bemängelt insbesondere die Nicht-Beachtung von Frauen im post-synodalen Schreiben: „Nach wie vor gibt es für die Frauen in der Kirche keine gleichen Rechte, keine Mitsprache in wichtigen Gremien, kein Stimmrecht, kein Wahlrecht. Die missachtenden Strukturen der Kirche werden weiterhin missachtende Strukturen in der Gesellschaft fördern und verstärken. Diese Nicht-Beachtung der Frauen im nach-synodalen Schreiben ist ein Schlag ins Gesicht all derer, die sich für eine Erneuerung der Kirche einsetzen; die dringend erwarten, dass die Kirche in ihrer Struktur allen Gläubigen gerecht wird. Es ist offensichtlich, dass – trotz aller Lippenbekenntnisse – die Frauen der Hierarchie nichts wert sind. Diese Nicht-Beachtung wird weiterhin Frauen aus der Kirche treiben. Allein im Jahr 2019 sind in Österreich mehr als 67 500 Menschen aus der Kirche ausgetreten. Auch so kann man Spaltung verhindern: viele Frauen werden einfach gehen. Übrig bleibt dann der Rest, dem Beibehaltung des Gewohnten und Aufrechterhaltung der Macht einiger weniger Männer wichtiger ist als eine Kirche, die der Botschaft Jesu folgt; ein Rest, dem erstarrter Kult wichtiger ist als menschenzugewandte Pastoral. Das wird für viele nicht mehr ihre Kirche sein.“

 

Peter PAWLOWSKY, stellvertretender Vorsitzender der Laieninitiative, betont, dass das neue Schreiben dennoch wichtige Stellungnahmen enthalte. „Es wendet sich scharf gegen die schweren Menschrechtsverletzungen und die neuen Arten der Sklaverei vor allem gegenüber den Frauen, die gegen die indigene Bevölkerung  Amazoniens  verübt werden. ‚Wir können nicht ausschließen’, schreibt der Papst, ‚dass Mitglieder der Kirche Teil des Korruptionsnetzes waren; bisweilen ging dies soweit, dass sie zustimmten, im Austausch gegen finanzielle Unterstützung von kirchlichen Werken Stillschweigen zu wahren.’  Der Papst bittet nicht nur dafür um Vergebung, sondern auch für die kolonialistische Mission der Vergangenheit.“

 

Neue kirchliche Organisationsformen?

„Die Gefahr für die Verkündiger des Evangeliums, die neu an einen Ort kommen, besteht jedoch darin, zu glauben, dass sie nicht nur das Evangelium, sondern auch die Kultur, in der sie selbst aufgewachsen sind, vermitteln müssen, wobei sie vergessen, dass es nicht darum geht, eine bestimmte Kulturform durchsetzen zu wollen, so schön und alt sie auch sein mag.“ Endlich wird deutlich gesagt, dass nicht überall auf der Welt gelten muss, war man sich in Rom ausdenkt: „Die Inkulturation muss sich auch auf konkret erfahrbare Weise in den kirchlichen Organisationsformen und in den kirchlichen Ämtern entwickeln und widerspiegeln.“  Was das allerdings angesichts eines starren Kirchenrechts konkret bedeutet, erfahren wir nicht.

 

Kluge Zitate allein sind zu wenig

Das päpstliche Schreiben verwendet große Teile des Textes auf die Erhaltung der Natur, auf die Würdigung der indigenen Völker, auf das Lob der Laien, insbesondere der Frauen, die das Leben in den Gemeinden aufrechterhalten. Man wird manches Zitat aus dem Schreiben in die Diskussion werfen können, aber kluge Zitate allein sind zu wenig. Die Hoffnung auf ein Umdenken in der Frage der kirchlichen Ämter wird über das synodale Schlussdokument auf die Bischöfe Amazoniens verschoben. Werden sie den Mut haben, den der Papst offenbar nicht aufbringt?

 

Die ewig Gestrigen im Vatikan scheinen sich wieder einmal durchgesetzt zu haben. Sie nehmen dabei in Kauf, dass durch die Verhinderung kleiner Reformschritte der evolutionäre Weg zur Erneuerung der Kirche weiter blockiert wird. Damit steuern wir immer unaufhaltsamer auf eine revolutionäre Veränderung zu – mit all den Kollateralschäden, die beim evolutionären Weg vermeidbar wären.

 

Daher ist es dringend geboten, an der Basis, im eigenen Umfeld, nach dem persönlichen Gewissen zu handeln und eine Kirche zu leben, die wohlwollendes Interesse an allen Menschen zeigt. Und es ist wichtig, sich mit allen Menschen guten Willens, auch und besonders innerhalb dieser Kirche, zu vernetzen, die Erneuerung zu leben und das Gedächtnis und die Gegenwart Jesu zu feiern, ohne auf Erlaubnis von der Hierarchie zu warten. Ungehorsam ist angesagt! 

 

Pressekontakt: Pamina Haussecker, presse@pfarrer-initiative.at, +43(0)680 502 7010

www.pfarrer-initiative.at | www.laieninitiative.at | www.wir-sind-kirche.at | www.priester-ohne-amt.org

 

Verschiedene Reaktionen auf das Papstschreiben "Querida Amazonia": https://www.wir-sind-kirche.de/?id=125&id_entry=8117

 

 

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