Jesus wollte keine Priester

23.09.2009, Univ.-Prof. Dr. Herbert Haag

 

Abschied vom Klerus: Plädoyer gegen die hierarchische Struktur

 

Priestermangel, Gemeinden ohne Eucharistie, Zölibat. Frauen Ordination - sie bezeichnen die Probleme, die zwar nicht allein, aber doch weitgehend die gegenwärtige Not der Kirche bestimmen und über die unermüdlich diskutiert wird, freilich mit bescheidenem Erfolg.

 

Weitere Diskussionen dürften nur dann sinnvoll sein, wenn wir fragen, wie Jesus sich seine Gemeinde von Jüngern und Jüngerinnen vorstellte. Denn wenn wir von jenen Nöten sprechen, nehmen wir als gegeben an, daß die Kirche nicht auf den Priesterstand verzichten will. Kann ein Blick in das Neue Testament und besonders in die Evangelien dies bestätigen?

 

• Das Priestertum der Kirche wurzelt im israelitisch-jüdischen Priestertum. Es unterscheidet sich von ihm am augenfälligsten dadurch, daß es keine blutigen Opfer darbringt. Das Judentum war zur Zeit Jesu streng hierarchisch gegliedert, und der Kuli am Jerusalemer Tempel nahm dann eine dominierende Stellung ein.

An seiner Spitze stand der Hohepriester, dem der gesamte Kult unterstand. Er war der einzige Sterbliche, der an einem Tag des Jahres, dem Versöhnungstag (Jörn Kippur), den dunklen Hinterraum des Tempels, das 'Allerheiligste', betreten durfte.

Dem Hohepriester standen die 'gewöhnlichen' Priester zur Seite. Sie durften den vorderen Tempelraum betreten, das 'Heilige', wo sie zweimal täglich Weihrauch verbrannten. Im Vorhof der Priester, in dem der Brandopferaltar stand, brachten sie die Tier- und Speiseopfer dar. Der Dienst der Priester war nicht hauptamtlich. Sie übten einen zivilen Beruf aus, da sie nur zweimal jährlich eine Woche am Tempel präsent zu sein hatten.

Eine dritte Klasse des Tempelpersonals bildeten die Leviten. Ihnen oblag das ganze Umfeld des Kults: Tür- und Ordnungsdienst, Gesang, Musik. Auch sie hatten ihre Dienstwochen wie die Priester. Es wird angenommen, daß täglich 300 Priester und 400 Leviten benötigt wurden, so daß mit insgesamt 7200 Priestern und 9600 Leviten gerechnet wird.

Es bedarf keines Wortes, daß die im Tempel praktizierte Schlächterei in höchstem Maß unappetitlich war. Insgesamt glich der Tempel mehr einem Schlachthaus als einem Bethaus.

 

• Nach dem Johannes-Evangelium zog Jesus fünfmal zu den Wallfahrtsfesten nach Jerusalem hinauf: an drei Passahfesten (2,13.23; 6.4: 11.25. 12.1). an einem Laubhüttenfest (7.2) und an einem weiteren Fest (5.1). Das scheint einen großen Eifer für den Tempel zu bekunden, ist aber in Wirklichkeit wenig. Denn jeder Mann - und das ist der Jude bis heute vom erfüllten 13. Lebensjahr an - war verpflichtet, dreimal im Jahr die Wallfahrt nach Jerusalem zu unternehmen: am Pessach-, am Wochen- und am Laubhüttenfest. Jesus scheint sich an diese Vorschrift nicht gehalten zu haben, zumindest wird es im Evangelium nicht erwähnt.

Mehr noch als die Frage, wie oft Jesus zum Tempel zog, interessiert uns, was er im Tempel tat. Zu unserer Überraschung hören wir nie, er habe sich an einem Tempelgottesdienst beteiligt. Insgesamt scheint sein Verhältnis zur Priesterschaft äußerst distanziert gewesen zu sein. Nichts deutet darauf hin, daß er an eine Fortsetzung des Priestertums in seiner Jüngerschaft dachte. In sechsfacher Form wird uns im Evangelium Jesu Drohung über den bevorstehenden Untergang des Tempels überliefert, und wenn er ankündigt, er werde den zerstörten Tempel in drei Tagen wiederaufbauen (Mk 14,58; Joh 2,19). dann kann damit nur das absolute Ende des Jerusalemer Tempels und jedes irdischen Tempels überhaupt gemeint sein.

Der Tempel, den Jesus an dessen Stelle setzt, ist 'nicht mit Händen gebaut', er ist von ganz anderer Wesensart. Jesus unterstreicht das Gemeinte mit der Zeichenhandlung. In der Tempelaustreibung (Joh. 2.13-22) werden nicht nur Mißstände gebrandmarkt. Wenn Jesus vielmehr aus dem Vorhof der Heiden die Käufer und Verkäufer von Opfertieren hinauswirft und die Tische der Geldwechsler umstößt und das Geld ausschüttet, was ja alles zum Opferbetrieb nötig war, dann macht er damit den ganz traditionellen Opferkult unmöglich, dann erklärt er diesen als erledigt. Damit ist aber auch der gesamten Priesterschaft das Ende angesagt.

So beharrlich sich die Evangelien über eine Teilnahme Jesu an der Tempelliturgie ausschweigen, so wichtig ist es ihnen zu melden, daß Jesus an einem Synagogengottesdienst, der ein reiner Wortgottesdienst war, teilnahm und sich daran aktiv beteiligte. Und um eben die Verkündigung des Wortes ging es ihm auch im Tempel. Noch und noch bezeugt die evangelische Überlieferung, er habe im Tempel gelehrt. 'Er lehrte täglich im Tempel' (Lukas 22, 47-53). Denen, die ihn festnahmen, hält er entgegen: 'Täglich war ich bei euch im Tempel und lehrte' (Mk 14.49). Deutlicher könnte Jesus sein Desinteresse am Opferkult nicht zum Ausdruck bringen. An dessen Stelle tritt für ihn die Verkündigung des Wortes. Damit hat Jesus das ganze jüdische Religionssystem aus den Angeln gehoben.

Wir können diese Haltung Jesu aber auch aus einer Naherwartung nicht herauslösen. Jesus erwartet die Herrschaft Gottes als unmittelbar bevorstehend: 'Wahrlich, ich sage euch: Es sind einige der hier Stehenden, die den Tod nicht schmecken werden, bis sie das Reich Gottes in Macht kommen sehen' (Mk 9,1).  Wenn Jesus aber vom nahen Ende überzeugt war, mußte es ihm fernliegen, ein Kirchensystem, eine Kultordnung und eine Hierarchie aufzubauen oder auch nur vorzusehen. Vielmehr hat er die Weichen gestellt für ein völlig neues Verständnis von Kult und Gottesdienst: "Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer“ - dieses Zitat aus Hosea (6.6), das sich ausgerechnet beim gesetzes- und opferfreudigen Matthäus zweimal findet (9,13; 12.7), kennzeichnet die Verschiebung von der Sphäre des Kultischen in die der Sittlichkeit, die Jesus vornimmt.

 

• Das Opfer, das vom Christen erwartet wird, ist von ganz anderer Art: 'Ich ermahne euch. . . . euren Leib als lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer hinzugeben. Das sei euer wahrhaftiger Gottesdienst' (Rom 12.1). Paulus setzt den christlichen Gottesdienst in betonten Gegensatz zum jüdischen. Die Christen sollen ihren Leib (nicht den Leib von Tieren) als lebendiges Opfer darbringen (statt toter Tiere).

Gottesdienst ist für Paulus freilich nicht nur die Hingabe des Leibes, vielmehr vor allem die Verkündigung des Evangeliums. Mit großem Nachdruck spricht der Apostel vom Gottesdienst des Evangeliums, den er vollzieht. Rom 1.9 erklärt er, er verrichte 'mit seinem (eigenen) Geist' den Priesterdienst am Evangelium Christi. Noch bedeutsamer ist Rom 15,16. Hier sagt Paulus von sich, er vollziehe als Liturge Christi Jesu 'den Priesterdienst am Evangelium, damit die Darbringung der Völker Gott wohlgefällig werde'. Hier wird die ganze jüdische Kultterminologie förmlich auf den Kopf gestellt: Priesterdienst ist Verkündigung des Evangeliums. Die Opfergabe sind die Völker, die für das Evangelium gewonnen werden.

 

• Gewiß hatte sich zur Zeit Jesu das Judentum längst an eine Form des Gottesdienstes gewöhnt, der ohne Tempel und Opfer auskam: den Wortgottesdienst in der Synagoge. Um so mehr fällt auf, daß der urchristliche Gottesdienst doch von allem Anfang an kein bloßer Wortgottesdienst ist. Vielmehr spielt dabei das Mahl eine entscheidende Rolle, das der Synagogengottesdienst nicht kennt. Für diese Mahlzeiten wird der eigentümliche Ausdruck 'Brotbrechen' gebraucht, der im profanen Griechisch kaum vorkommt, hingegen in den Evangelien einen typischen Gestus Jesu bezeichnet, sowohl in den Berichten über die Brotvermehrung (Mk 6.41 par.), als auch über das Abendmahl (Mk 14,22 par) und über das Mahl Jesu mit den Jüngern in Emmaus (Lk 24,30).

In ihren Mahlgottesdiensten knüpft die Urgemeinde offensichtlich an die Mahlzeiten an, die Jesus besonders nach seiner Auferstehung mit den Jüngern hielt. Die Gemeinde versteht sich als der Kreis derer, 'die nach seiner Auferstehung von den Toten mit ihm gegessen und getrunken haben' (Apg 10,41). Wie stark diese eucharistischen Mahlfeiern im Zeichen der Auferstehung stehen, zeigt auch der Wochentag, an dem sie begangen werden.

Zwar hören wir in der Apostelgeschichte, man sei täglich in den Häusern zusammengekommen (2,46). Vorzugsweise aber geschieht dies am ersten Tag der Woche (Apg 20,7; 1 Kor 16.2), der auch 'Herrentag' genannt wird (Offb 1.10; Apost. Väter, z. B. Did 14.1).

In bewußter Absetzung vom Judentum haben die ersten Christen den ersten Tag der Woche ausgesondert. Denn dies war der Tag, an dem Christus auferstand und den beim Mahl versammelten Jüngern erschien. So ist für sie jeder Herrentag ein Osterfest. Diese christliche Mahlfeier wird uns außerhalb des Neuen Testaments erstmals in der 'Lehre der Zwölf Apostel' (Didache, Anfang 2. Jahrhundert) und vom Märtyrer Justin (Mitte 2. Jahrhundert) bezeugt. In der Didache begegnen wir erstmals dem Wort eucharistia für den christlichen Mahlgottesdienst. Dieser wird so beschrieben: 'Betreffs der Eucharistie. Sagt folgendermaßen Dank. Zuerst zum Becher: Wir danken dir, unser Vater, für den heiligen Weinstock Davids, deines Knechts, den du uns offenbart hast durch Jesus, deinen Knecht. Dir die Herrlichkeit in Ewigkeit. Zum Brot: Wir danken dir, unser Vater, für das Leben, das du uns offenbart hast durch Jesus, deinen Knecht. Dir die Herrlichkeit in Ewigkeit. Und wie dies auf den Bergen zerstreut war und zusammengebracht ein Brot geworden ist, so soll deine Kirche zusammengebracht werden von allen Enden der Erde in dein Reich. Denn dein ist die Herrlichkeit und die Kraft in Ewigkeit' (9.1-4).

Aus dem ganzen Zusammenhang ist ersichtlich, daß die Versammelten ein richtiges Mahl halten, das aus Brot und Wein besteht und durch den Dank, der über Brot und Wein gesprochen wird, zur Eucharistie, zur Danksagung wird. Von einem Einsetzungsbericht ist nicht die Rede.

Um die Mitte des 2. Jahrhunderts beschreibt der Apologet und Märtyrer Justin den Gottesdienst nicht wesentlich anders (Apol, I, 65-67). Indes fallen zwei Unterschiede auf. Der Eucharistiefeier geht nicht nur, wie in der Didache. ein Bußakt voraus, sondern ein Wortgottesdienst, in dem aus den Schriften der Apostel vorgelesen wird und der Vorsteher (proestôs) eine Ansprache hält. Dann wird dem Vorsteher Brot und ein Becher mit Wein und Wasser gebracht, und dieser spricht darüber eine lange Danksagung. Offensichtlich steht der Gemeindeleiter der Feier vor, nicht aber ein Priester.

 

• Somit fragen wir uns, wie denn die Vorstellung aufkommen konnte, er bedürfe für die Feier der Eucharistie. Ohne Vollständigkeit anzustreben, seien deren drei hervorgehoben.

 

1. Opferelemente in den Einsetzungsberichten.
2. Der Einfluß a) des 1 Klemensbriefs und b) des Markionstreits.
3. Die Vorwürfe, die vom römischen Staat gegen das Christentum wegen seiner Kultlosigkeit erhoben wurden.

 

Beginnen wir mit den Einsetzungsberichten des Abendmahls. Sie haben Anlaß gegeben, die Eucharistie als Opfer zu verstehen. Die Rede vom 'Meßopfer' ist jedem Katholiken geläufig. Wenn aber Opfer, dann auch Priester.

 

Der Einsetzungsbericht ist uns in vier Varianten überliefert (Mt, Mk, Lk und Paulus in 1 Kor 11.23-26). Das macht es unmöglich, die authentischen Jesusworte mit Sicherheit zurückzugewinnen. Vielmehr herrscht in der heutigen Exegese Einmütigkeit darüber, daß wir es in den Abendmahlsberichten mit einer Kultätiologie zu tun haben, durch die der Brauch der Gemeinden begründet und erklärt werden soll. Mit anderen Worten: Dargestellt wird in diesen Berichten nicht das Abendmahl Jesu. Dargestellt wird vielmehr die Mahlfeier der Gemeinde, von der auf das Abendmahl Jesu zu rückgeschlossen wird (womit freilich die Geschichtlichkeit des Abendmahls Jesu nicht dahinfällt). Für unsere Frage von Bedeutung ist vor allem die Form des Brotwortes und des Kelchwortes. Das Brotwort überliefert Markus (14.22) in der Fassung: 'Während sie aßen, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach es, gab es ihnen und sprach: Nehmt, das ist mein Leib.' Nichts hindert uns, dies als ursprüngliches Jesuswort zu nehmen. Dabei steht Leib für Leben. Jesus versichert die Jünger seiner bleibenden Gemeinschaft über den Tod hinaus.

Die Rede vom Blut hingegen spiegelt zweifellos kirchliches Brauchtum, schon weil sie in der griechisch-römischen Welt viel weniger anstößig war als in der jüdischen. Hätte Jesus die Jünger aufgefordert, sein Blut zu trinken, wie er es am krassesten bei Matthäus (26.271) tut, hätten diese voll Entsetzen fluchtartig den Abendmahlsaal verlassen. Denn Genuß von Blut ist für Juden und für Semiten insgesamt der größte Graus. Der sekundäre Charakter des Kelchwortes erweist sich auch darin, daß Blut keine Parallele zu Leib ist, höchstens zu Fleisch. Denn zum Leib gehört ja schon das Blut. Am verhängnisvollsten aber mußte sich auswirken, daß Matthäus und Markus zum Wort vom Blut noch den Zusatz bringen: 'Das für viele (oder; für euch) vergossen wird', wodurch der Opfergedanke hereinkommt, der in der ältesten Überlieferung völlig fehlte. Mit Recht wendet sich das heutige kirchliche Denken gegen das eucharistische Opferverständnis. Für die Rolle des Priesters bei der Eucharistie kann dies nicht bedeutungslos sein.

Weiter: Zu einem hierarchiefreundlichen Klima hat sicher der 1. Klemensbrief beigetragen. Am Ende des I. Jahrhunderts war in der Kirche von Korinth eine Krise ausgebrochen. Es waren einige Presbyter (Älteste) ihres Amtes enthoben und durch jüngere ersetzt worden. Um den Streit aus der Welt zu schaffen, richtete die Gemeinde von Rom unaufgefordert ein Schreiben an die Gemeinde von Korinth. Dieses spricht immer in der Wir-Form, wird aber sicher zu Recht mit dem Namen des römischen Bischofs Klemens verbunden, der als der Verfasser gelten muß.

Der Konflikt von Korinth wird in einen größeren theologischen Zusammenhang gestellt. In den Augen des Verfassers bilden der Alte Bund und das Christusgeschehen eine einzige große Heilsordnung. Die Kirche wurzelt im Alten Testament, und wenn der Verfasser auch einzelne Schriften des Neuen Testaments kennt, so ist für ihn doch die Bibel noch immer das Alte Testament. Auf dieses beruft er sich in einem fort. Um die Korinther davon zu überzeugen, daß Ordnung herrschen müsse, bezieht er sich auf die schon am Tempel von Jerusalem herrschende Kultordnung. Dort - sagt er, obwohl der Tempel längst nicht mehr besteht - 'sind dem Hohepriester eigene Verrichtungen übertragen, den Priestern ist ihr eigener Platz verordnet, und den Leviten obliegen eigene Dienstleistungen. Der Laie ist an die Anordnungen für die Laien gebunden.'

Zum ersten Mal erscheint hier der Begriff 'Laie' in der christlichen Literatur. Obwohl der Verfasser damit gewiß nicht die am Tempel geltende Ordnung buchstäblich auf die christliche Gemeinde übertragen will, konnte der Verweis auf verschiedene Stufen der Hierarchie und die ihnen gegenüberstehenden Laien gewiß nicht ohne Wirkung bleiben.

 

Die Aufnahme alttestamentarischer Vorstellungen in die Kirche wurde weiterhin gefördert durch die Markion-Episode. Um die Mitte des 2. Jahrhunderts stellte der kleinasiatische Reederssohn Markion der römischen Großkirche eine eigene Kirche entgegen.

Seine Lehre gipfelte in einer leidenschaftlichen Verwerfung des Alten Testaments. Der Gott des Alten Testaments sei ein anderer als der Vater Jesu Christi. Deshalb müsse sich die Kirche vom Allen Testament lossagen. Sie tat es nicht. Damit bekam das Alte Testament eine völlig neue Stellung in der Kirche Es wurde zur christlichen Bibel. Es soll uns nicht wundern, wenn dadurch das Alte Testament und seine Institutionen, samt Kult und Priestertum, ein neues Gewicht bekamen.

 

Schließlich wurde das Oberhandnehmen des Kultischen durch die Verfolgung der jungen Kirche seitens des römischen Staates entscheidend gefördert. Das Christentum breitete sich zwar in einem heidnischen, keineswegs aber in einem gottlosen Staat aus. Das Milieu, in dem die Botschaft Jesu verkündet wurde, war weithin religiös/kultisch geprägt. Nach Tacitus wurde der christliche Glaube als exitiabilis superstitio bezeichnet, als 'verderblicher Aberglaube'. Ja, die Christen werden sogar des Atheismus bezichtigt. Gemeint ist die Ablehnung der römischen Götterwelt und ihres Kultes. 'Deos non colitis' lautet nach Tertullian der gegen die Christen erhobene Vorwurf: 'Ihr verehrt die Götter nicht.' Und Tertullian führt dies naher aus: 'Tempel verachten sie, als ob es Gräber wären; von Götterbildern speien sie aus, verlachen die heiligen Opfer.' Damit ist der Verzicht der Christen auf äußere Riten und Zeremonien gemeint. Demgegenüber verweisen die Christen nun auf die Eucharistie, wodurch erneut deren Opfercharakter herausgehoben wird.

 

• Trotz dieser durch mehrere Faktoren bedingten Rückbesinnung auf Kult und Opfer wird der Titel hiereus, Priester, ihr die kirchlichen Amtsträger nicht nur im Neuen Testament, sondern während der ganzen ersten beiden Jahrhunderte vermieden.

Eine Wende nehmen wir freilich schon in den Ignatiusbriefen wahr, die von der neuen Forschung zwischen 160 und 170 angesetzt werden. Hier finden wir erstmals den monarchischen Episkopat und die Hierarchie von Bischof (immer in der Einzahl). Presbyterium und Diakonen. Dieser Hierarchie stehen die Gläubigen gegenüber, aber noch nicht als 'Laienstand' einem 'geistlichen Stand'. Die Amtsträger sind keine 'Geistlichen'.

Dieser Wandel vollzieht sich zu Beginn des 3. Jahrhunderts gleichsam über Nacht. Fortan gibt es in der Kirche zwei 'Stände', ordo und plebs, Geistliche und Laien, wie für die Kirche von Karthago Tertullian bezeugt, für die römische Hippolyt, für Alexandrien Klemens und Origenes.

Im Verlauf des 3. Jahrhunderts wird die Scheidung zwischen Klerus und Laien zur vollendeten Tatsache. Die Kirche wird zur Kleruskirche. Was Klerus und Laien trennt, ist die Liturgie. Sie erfordert eine Weihe. Bald aber - wir sehen dies bei Cyprian, Bischof von Karthago (248 bis 258) - ist der Kleriker schlechthin der Inhaber eines kirchlichen Amtes. Das Wortpaar clerus/plebs ist den Schriften des Cyprian geläufig. Mehr und mehr werden die Laien zur Passivität verurteilt.

 

In den Pseudo-Klementinen (Anfang 3. Jahrhundert) wird die Kirche mit einem Schiff verglichen, dessen Steuermann Christus ist. Der Bischof ist der Untersteuermann, die Presbyter sind die Matrosen, die Diakone die Rudermeister, die Katecheten die Ordnungshüter und Platzanweiser. Die Gemeinde, das sind die Passagiere. Sie fahren nicht, sie werden gefahren, sie sind auf Gedeih und Verderb dem Können und Nichtkönnen der Schiffsmannschaft ausgeliefert: das Bild einer Kleruskirche, wie es sich durch die Jahrhunderte bis in unsere Tage durch gehalten hat.

 

• Der gegenwärtige Notstand der Kirche bedeutet für diese einen ultimativen Appell, zu den Ursprüngen zurückzukehren. Zunehmend werden 'Laien' zu Gemeindeleitern eingesetzt, das heißt zu nicht ordinierten Pfarrern. Ihr Handicap ist jedoch, daß sie mit ihrer Gemeinde nicht Eucharistie feiern können, weil diese nach geltendem Recht und Verständnis der Kirche mit der Priesterweihe gekoppelt ist (und diese wiederum mit dem Zölibat). Damit stehen wir freilich vor einer völligen Aushöhlung des kirchlichen Amtes. Denn ein Gemeindeleiter ist von Amtes wegen nicht nur ermächtigt, sondern förmlich verpflichtet, mit seiner Gemeinde die Eucharistie zu vollziehen.

Sollte, was 2000 Jahre lang möglich war, nicht auch heute möglich sein, zumal wenn es sich vom Evangelium her eindeutig gebietet? Jesus wollte - sofern er überhaupt eine Kirche wollte - sicher keine hierarchisch strukturierte Kirche. 'Laßt euch nicht Rabbi nennen. laßt euch nicht Pater nennen, laßt euch nicht Lehramt nennen. Denn ihr seid alle Brüder", lautet seine Weisung (Mt 23.8-10).

Der Ruf nach einem Dritten Vatikanischen Konzil wird heute immer lauter. Dieses hätte sich aber nur ein Thema vorzunehmen: die Strukturen der Kirche. Die Kirche kann sich eine neue Verfassung geben. Die Zeichen der Zeit sprechen eine deutliche Sprache. Die Stunde hat geschlagen, der Kleruskirche den Abschied zu geben.

 

Herbert Haag war Professor für Altes Testament an der Katholisch- Theologischen Fakultät der Universität Tübingen. Er lebte in Luzern.

 

Der Artikel ist der Süddeutschen Zeitung vom 25. 2. 1995 entnommen

 

 

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