Von der Hoffnung (wieder) aufzuatmen
Zur Corona-Krise von Günther M. Doliwa

21. März 2020

 

Alarmglocken

Corona der Schöpfung - also Krone – nennt man den Menschen, nennt man jetzt die Gefahr.

Allein die Hellziffern alarmieren die ganze Welt. Mit ihm verbreitet sich rasend der Virus der Angst. Man weiß nicht was schlimmer ist. Die Zahl der Infizierten in China, in Europa steigt stündlich. Die Epidemie wird zur Pandemie. Die ersten Corona-Toten alarmieren Regierungen. Die handeln nervös. Neben Ministern sitzen Virologen. Im Nu kennt sie das TV-Publikum. Das Robert Koch Institut erlangt Weltgeltung. Notwehrwitze kursieren auf Klopapierniveau. Wir witzeln das vermaledeite Virus nicht weg, machen Einschränkungen aber erträglicher. Im Jahr sterben 900.000 Menschen, an der Grippe im Frühjahr etwa 20.000. Covid-19 scheint gefährlicher zu sein. Die Angst vor Atemnot und Tod ist berechtigt, treibt aber teils bizarre Blüten. Auf Leben und Tod ist Thema. Das Leben hat Vorfahrt, auch wenn es paradoxerweise radikal verlangsamt wird.

 

Still-Leben

Es ist, als ob man dem System den Stecker gezogen hätte. Im Sturzflug befindet sich das Vertrauen. Das ganze öffentliche Leben verschwindet von heute auf morgen. Wie angehalten, das Leben, der Puls, der Atem in den Städten, in der Luft, in Fabriken, in Ausstellungshallen, in Kinos und Kulturstätten. Schulen zu. Kitas zu. Not-Pläne laufen an. Der Staat sichert sich mit Berufung auf Paragraf 28 des Infektionsschutzgesetzes Durchgriffsbefugnisse, um dem Chaos zuvorzukommen. Ohne seine Versäumnisse im Gesundheitswesen zu erwähnen. Die Kanzlerin ruft auf, Kontakte weitestgehend einzustellen. Ein paradoxes Experiment auf unbestimmt, mit ungewissem Ausgang. Verzichtbar sind plötzlich: Bildung, Kultur, Unterhaltung, Freizeitangebote, Profi-Sport. Offenbar einzig unverzichtbar sind: Wirtschaft, Grundversorgung, Banken, Konsum. Einschränkbar sind Freiheitsrechte. Wir werden in die Wohnungen verbannt. Depression macht sich breit; Fatalismus, teils Panik bei Vorratskäufen. Die Entschlossenen handeln drastisch, nehmen 500 Milliarden Steuergeld (im Bund) in die desinfizierte Hand und verkünden: Die Lage sei ernst. Nehmt es alle ernst! Es werde vermutlich noch dramatischer kommen. Notfalls übernimmt der Staat anteilig Firmen. Auf sonst stau-gewohnten Ringstraßen gähnt zur Stoßzeit Leere. Sehenswürdigkeiten liegen frei. Schockierende Leere in Rom. Dafür Schlangen vor Supermärkten und Apotheken. Im Modus der Vorsorge wie fixiert auf das Eigene. Gesegnet seien die leisen Kommunikationsmittel: Telefonieren, Skypen, Video-konferenzen & Videoanrufe. Filme laufen via Streaming-Dienst. Kontakt geht. Eine wohltuende Stille herrscht in den Städten. Abgesehen von Balkonmusik, beklatscht und beliebt in Italien, in Österreich grantelt man eher. So unterschiedlich sind Mentalitäten. Wir sind Gefangene des Katastrophenfalls auf unbestimmt. Mitgefangene in Quarantäne und Hausarrest. Wir sind Geiseln der Pandemie.

 

Aussetzen

So heißt die Devise, um die Exponentialkurven der Infektion abzuflachen. Ab sofort wird öffentlich-soziales Leben abgewürgt, um Leben zu retten. Gesundheit um jeden Preis? Dem Virus trotzen mit den Waffen der Staatsmacht? Nichts ist mehr tabu. Desaströse Wirtschaftsdaten in China. Produktionseinbrüche lassen Rezessionen ahnen. Börsen im Crash-Modus. Helikoptergeld direkt an Bürger? Läden zu. Umsätze weg. Minijobber, kleine Unternehmen fürchten um ihre Existenz. Pleiten in Massen drohen. Spielbetrieb-Ausfall im Profi-Fußball wie im Science-Fiction-Film. Die EM ist verschoben wie alle Großevents. Verschoben ist nicht aufgehoben. Wo bleibt die angstmindernde Kommunikation im Feuerwerk des Wahnsinns? Wie lange dauert der auferlegte, bereitwillig angenommene Freiheitsverzicht, der weit über ein willkommenes Fasten hinausgeht?

 

Beinahe-Verstummen der Kirchen

Kirchen verstummen, als hätten sie ihre Stimme verloren. Wo teilen sie Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der heutigen Menschen? Wo findet die Angst der pilgernden Menschen Widerhall in ihren heiligen Hallen? Internet hilft. Weihwasser jedenfalls immunisiert nur die Dummen. Überwältigt schließen sie Kirchen, streichen Gottesdienste. Bischöfe halten aus Selbstschutz Video-Ansprachen, haben offenbar nur virtuelle Gnadenschätze auf Lager. Nehmt das auferlegte Fasten als Chance: Leben Sie Hauskirche! Lasst uns geistliche Kommunion feiern! Säuselt es. Steckt euch um Himmelswillen nicht an! Karwoche Ostern Auferstehung? Ein Hochfest der Christen fällt dem Corona-Virus zum Opfer. Auf Karwoche kann man vielleicht verzichten. Passion für das Leben macht sich breit. Isolierte, die schon lange nicht mehr umarmt werden, sehen wie es allen andern jetzt ebenso ergeht. Denn die sozialen Abstände werden neu vermessen.

Jetzt ist kaum Zeit in den Nachrichten für gestrandete Flüchtlinge, für bittere Armut, für Strukturen der Ausgrenzung, für Syrienbombardements, Umweltkatastrophen und andere Ungerechtigkeiten wie der massiv störenden, trotzdem grassierenden Ungleichverteilung der Güter und Reichtümer der Erde, die allen gehört.

Absurd, genau jetzt, wo die Bischöfe vollends entmündigt sind, zu versuchen im Nachhinein Dispens von der Sonntagspflicht zu erteilen. Da hilft nur noch beten! sagen einige und rufen zu vereinigtem Bittgebet auf. Mit mäßiger Resonanz. Dabei sind ab sofort alle Zustände und Abstände neu zu vermessen: die Würde auch der Besitzlosen, die Spielräume des Schaffens, die Dimensionen des Gemeinwohls. Alltägliche Apokalypse ist abzuwenden. Der Einschnürung auf Mini-Radius möge ein Schub zur globalen Lust folgen.

 

Von der Hoffnung aufzuatmen

Da hilft nur Gelassenheit und Solidarität und Reduktion auf das Wesentliche. Da können wir ruhig mal Applaus spenden für die Tausendsassas des Helfens. Da spielt Igor Levit im Netz Bach, Beethovens Diabelli-Variationen, Brahms. Die Staatsoper liefert allabendlich gratis Konzerte ins Haus. Künstler geben kostenlose Konzerte gegen die Einsamkeit, um zu trösten. Der kroatische Cellist Hauser spielt Leonhard Cohens Halleluja vor Bergkulisse. Bamberger grüßen Italien mit Bella Ciao von Balkonen aus. Kunst ist es wahrlich, in der Krise sich nicht von Angst überwältigen zu lassen; keinem Fatalismus Raum zu geben, keine Überdosis zumindest; rechtes Maß und Mitte zu halten, abzuwägen, was im Moment den schwächsten Gliedern nützt. Corona-Partys jedenfalls nachweislich nicht.

Nicht alles ist abgesagt: Sonne, Mitteilung, Nachrichten, Fantasie, Zuwendung, Anteil nehmen, ein Buch Lesen, zur Ruhe kommen, Zeit für die Familie, Solidarität, Aufmerksamkeit, Vorsicht und Rücksicht und Zuversicht und was nicht sonst noch alles…

Aufwartet der Frühling mit prallem Auferstehungsgelb. Die Luft atmet auf. Atmet auf. Atmet auf. Keine Kreuzfahrtschiffe bollern durch Venedig. Schwäne kehren zurück in die Lagune; im geklärten Wasser tummeln sich Fische. Seltene Bilder. Von Buddhisten ist zu hören: Akzeptiere den Wandel Das Virus ruft in Erinnerung: Alles ist mit allem verbunden, im Guten wie im Schlechten. Alles Schlechte hat auch Gutes. Dreh die Medaille.

Eine Hymne auf den aufgeklarten Himmel über allen nun smogfreien Metropolen.

Eine Fotoserie des Klinikpersonals & aller seit je unterbezahlten Pflegekräfte, die trotz Notstand arbeiten weit über die Belastungsgrenzen hinaus.

Eine Wohnzimmer-Laola-Welle für das Schweigen der Ultras in den Stadien.

Einen Schiedsrichterpfiff gegen Hamsterkäufe.

Einen Sonderpreis für die rastlosen Zustelldienste, Lieferanten und Lkw-Fahrer.

Einen Extralohn für alle, die das Ganze solidarisch am Laufen halten.

Einen Prachtband aller Sehenswürdigkeiten der Erde ohne Selfie-Touristen.

Einen Tusch für die farbigen Frühlingsüberraschungen.

Eine Sonderführung durch den von Panik unbeeindruckten Garten.

Einen Applaus für jene, die uns aufheitern mit Notwehr-Witzen und Karikaturen.

Standing Ovations für die Künstler der Gratiskonzerte.

Ein Bravo für die Neuordnung der unbedachten Abstände.

Eine Rehabilitierung der entgifteten Sozialen Medien.

Einen Nobelpreis für die Forscher, die das Virus besiegen helfen.

Die Zwangspause lehrt Revolutionäres. Es geht grundsätzlich auf einen Schlag anders. Wenn politischer Wille da ist. Im Namen des Klimaschutzes, der Gesundheit, des Gemeinwohls. Im Namen der Familie, der Geringsten und im Namen einer Zivilisation gegenseitiger Achtung. Mensch, atme auf, atme auf, atme auf… Wahrhaft unverzichtbar ist der Virus der Hoffnung, von dem sich guten Gewissens sagen lässt: Ohne ihn fehlt allen Nicht-Infizierten etwas.

 

© Günther M. Doliwa, Autor, Künstler, Theologe / Herzogenaurach

Frühlingsanfang, 21. März 2020                                                                www.doliwa-online.de

 

Dazu passend das neue Buch von Günther M. Doliwa:

Hätte aber Liebe nicht. Zeichen der Zeit.

Anders unterwegs sein Von Günther M. Doliwa,

Erscheint noch vor Ostern 2020, 276 S. 10 Farbbilder Preis: 20 Euro

 

Vielleicht ist es das Buch der Stunde. Eine Alternative zur Flucht in die Panik, indem es nach Wahrheit gräbt und Kostbares zu Tage fördert. Ein Trostbuch, das Zuversicht verbreitet. Ein Schöpfrad, das aus Liedern und eigenen Psalmen zu trinken gibt. Es fängt das Leben in seiner Buntheit ein. Der christliche Impuls wird frei gelegt in seiner ursprünglichen Vitalität. Es nimmt mit, auf einen ungewohnten Gang durch die christlichen Hochfeste: Weihnachten, Ostern, Pfingsten. Auf das 2020 stornierte Ostern muss man mit diesem Buch in der Hand nicht verzichten. Die insgesamt 144 Texte umkreisen zentrale Themen: Gerechtigkeit, Frieden, Liebe, Bewahrung der Schöpfung, Freiheit. Es ist ein Aufruf zum solidarischen Miteinander.

Gerade in „unwirklichen“ Corona-Zeiten kann es die Tage erheitern und anstoßen, Prioritäten zu überdenken. „Und du hast Zeit dich zu fragen/ Was du fühlst/ Was du denkst/ Was du eigentlich möchtest/ Welches Leben du auf Dauer führen willst/ Was für eine unbändige Kraft dein Wille ist/ Welche Freiheit Vergebung gewährt/ Welcher Schatz unter deiner Angst begraben liegt/ Was geschieht, wenn wir das Unbehagen verlieren// Vor allem erfährst du/ wie bereichernd/ und beglückend es ist/ kreativ zu sein/ in einem einfallsreichen Universum/ dem immerhin// auch DU/ eingefallen bist“ (S.255)

 

Ich lege dir/euch das Buch ans Herz.

 

Günther M. Doliwa, Herzogenaurach, den 25.3.2020

 

Solange Ausgangsbeschränkungen gelten:

Zu bestellen über: guentherdoliwa@herzovision.de

Bei bekannter Adresse wird das Buch zugestellt.

Bitte pro Ex. 20 Euro überweisen auf mein Konto bei der Sparkasse Erlangen:

DE39 7635 0000 1060 6507 43    BIC: BYLADEM1ERH

 

 

 

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