Innerkirchliche Reformansätze: (Frauen, Zölibat, wiederverheiratet Geschiedene, Moral ..)

Der maltesische Bischof Mario Grech fordert für die Zeit nach der Corona-Krise seelsorgliche Reformen: „Es wäre Selbstmord, danach wieder zu denselben Modellen wie vorher zurückzukehren“. Er schlug vor, die Bedeutung von „Hauskirchen“ wieder zu entdecken. Was sie leisten könnten, sei während der Ausgangssperren deutlich geworden. Leider hätten Jahrhunderte des Klerikalismus das „Charisma der Familie als Hauskirche“ verdunkelt, dem gelte es nun gegenzusteuern und dafür die entsprechenden Strukturen zu schaffen. Grech nannte auch die „Synodalität“ als wichtige, künftige Priorität der Kirche. Es sei wichtig, dass Papst Franziskus diesen Begriff zum Thema der Bischofssynode von 2022 gewählt habe. Der maltesische Bischof ist Stellvertreter des Synoden-Generalsekretärs, Kardinal Lorenzo Baldisseri, und wird bei der Konferenz eine wichtige Rolle spielen. (vn v. 1. 6.)

 

Vor einem den Blick verengenden „Klerikalismus" in der Katholischen Kirche hat der designierte Rektor der katholischen Privat-Universität Linz, Christoph Niemand, gewarnt. Wo eine „männlich dominierte klerikale Kaste" die Überhand gewinne, berge dies die Gefahr, dass sich „Cluster" bilden, die den Missbrauch fördern und zu „Verengungen und Scheuklappen" führen. Daher wäre es „wünschenswert, dass die Weiheämter (Bischof, Priester und Diakon) von der Zölibatspflicht gelöst werden", plädierte Niemand im „Kurier“. Auch wenn der Zölibat eine für die Kirche unerlässliche Lebensform sei, so brauche es heute doch des gemeinsamen Einsatzes von Frauen und Männern, Unverheirateten und Verheirateten, führte der Professor für Neues Testament weiter aus. „Ich hoffe, dass wir bald verheiratete Männer als Priester und als ersten Schritt sehr bald weibliche Diakoninnen haben." (ku-linz.at u. kap v. 1. 6.)

 

Am 1. August 2020 werden für den französischsprachigen Teil der Diözese Basel neue Bezeichnungen für die kirchlichen MitarbeiterInnen in Kraft treten, erklärt Jean Jacques Theurillat, Bischofsvikar für den französischsprachigen Teil des Bistums. Der deutschsprachige Teil hatte diese Änderung bereits 2019 vollzogen. Die bisherige Bezeichnung Pastoralassistent wird durch „théologien/théologienne en pastorale“ ersetzt. Entsprechend der Aufgabe der Mitarbeitenden werden die Benennungen durch die Funktion erweitert. So wird etwa ein nichtgeweihter Theologe in der Funktion des Gemeindeleiters künftig „théologien en pastorale responsable de communauté“ genannt. Diese neuen Titel sind ein Zeichen der Anerkennung der beruflichen Kompetenz für den Dienst. (cath.ch u. vn v. 2. 6.)

 

Die französische Theologin Anne Soupa (73) fordert mehr Maßnahmen der Kirche in Frankreich gegen Klerikalismus und bewirbt sich um das Bischofsamt für die Erzdiözese Lyon: „Unsere Kirche macht mit dem gleichen Modell einfach weiter, obwohl es nicht funktioniert“, so die Theologin, die zuvor mitgeteilt hatte, dass sie sich auf die seit dem Amtsverzicht von Kardinal Philippe Barbarin im März vakante Leitung der Erzdiözese Lyon bewerbe. In „Evangelii Gaudium“ habe Franziskus eine Unterscheidung zwischen Verwaltungsfunktionen und dem Weiheamt angemahnt. Die Leitung einer Diözese beinhalte auch spirituelle Aufgaben und diese könnten auch von Laien – männlich oder weiblich – ausgeübt werden. Barbarin bot nach Missbrauchsvorwürfen seinen Amtsverzicht als Erzbischof an, um „ein neues Kapitel“ für die Erzdiözese Lyon aufzuschlagen. (JA v. 7. 6.)

 

Österreichische Theologen plädieren für eine kirchliche Segnung homosexueller Paare – und damit für einen sakramentalen Akt. Im Auftrag der liturgischen Kommission der österreichischen Bischofskonferenz beschäftigte sich eine Arbeitsgruppe mit der Möglichkeit der Segnung homosexueller Paare. Nach einigen Tagungen entstand daraus der Band „Benediktion von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften", den der Südtiroler Liturgiewissenschaftler Ewald Volgger (Universität Linz) mitherausgegeben hat. Auszüge aus dem Interview mit der Kathpress: „Durch eine offizielle Segensfeier der Kirche ergäbe sich eine Verbindlichkeit für diese Partnerschaft. Durch die Bezeichnung als Benediktion würde die Kirche eine Wertschätzung für diese Verbindung zeigen, die zeichenhaft die Liebe Gottes zum Menschen ausdrückt. [….] Die pastorale Dimension besteht in der grundsätzlichen Anerkennung dieser Lebensweise vonseiten der Kirche, damit würde Enttäuschung und Leid vermieden und Diskriminierung zurückgenommen. Sie macht den betroffenen Paaren deutlich, dass sie sich als von der Kirche gesegnete Menschen in der Öffentlichkeit präsentieren können. Das ist mehr als ein einfacher Segen: Die Benediktion wird kirchenamtlich eingetragen, wie auch etwa die Ehe im Taufbuch vermerkt wird. […] Der Knackpunkt der Anerkennung liegt natürlich im Zugestehen des sexuellen Miteinanders als ein kostbares menschliches Gut. […] Die Bezeichnung ist nicht das vorrangige Ziel, wesentlich ist die Anerkennung der gemeinsamen Lebensweise von zwei gleichgeschlechtlichen Partnern, die Gott zusammenführt. Diese gnadentheologische Dimension wird in der Diskussion zu wenig bedacht. […Es ist] wahrzunehmen, dass es bei aller Ablehnung doch eine beachtliche Anzahl von Bischöfen gibt, die Betroffenen und engagierten Seelsorgern sagen: Wir müssen in dieser Richtung redlich vorankommen. […] Der Papst hat mit „Amoris laetitia" Impulse gesetzt, genauso gibt es neue Erkenntnisse in Sachen Bibelwissenschaft, Moraltheologie und Ethik. Ich sehe aber natürlich auch, dass wir durch die Ungleichzeitigkeit in verschiedenen Ländern, innerhalb der Kirche und im ökumenischen aber auch interreligiösen Bereich noch einen weiten Weg vor uns haben. […] Es ist doch auch ein Grundauftrag der Heiligen Schrift an die Menschen, dass sie das Miteinander und Füreinander suchen sollen – auch in der Partnerschaft. Homosexuelle haben das gleiche Recht auf verantwortete Partnerschaft wie Heterosexuelle“, sagt Prof. Volgger (www.kathpress.at u. www.katholisch.de v. 6. 6.)

 

Die Führungsrolle von Frauen im öffentlichen Leben zu stärken ist das Ziel des Diplom-Studiengangs „Frauen im öffentlichen Leben, Feminismus, Geschlecht und katholische Identität in Pandemiezeiten“, den die „Lateinamerikanische Akademie katholischer Führungskräfte“ vom 11.-25. Juli online anbietet. Der Studiengang wird in Kooperation mit römisch-katholischen Universitäten in Lateinamerika durchgeführt. Unter den Lehrenden sind Katholiken und Katholikinnen mit langjähriger Erfahrung in Spitzenpositionen, u. a. auch im Vatikan. Eine der Lehrenden ist etwa die Italienerin Flaminia Giovanelli, die bis vor kurzem noch als Untersekretärin an der vatikanischen Friedensbehörde wirkte, sowie die Spanierin Marta Rodriguez aus dem Redaktionskomitee der vatikanischen Frauenzeitschrift „Donne Chiesa Mondo“. Ausgehend von der kirchlichen Soziallehre sollen Merkmale eines christlichen Feminismus herausgearbeitet werden. (vn v. 8. 6.)

 

Der Erzbischof von Paderborn, Hans-Josef Becker, hat sich dafür ausgesprochen, die von der Deutschen Bischofskonferenz benannte Frauenquote für Führungspositionen von 30% zu steigern. Sein Erzbistum ergreife Maßnahmen zur Steigerung des Anteils von Frauen in Leitungspositionen. So würden etwa Leitungsstellen mit dem Hinweis ausgeschrieben, dass auch eine Tätigkeit in Teilzeit möglich sei. Für den dazu notwendigen Kurs „Kirche im Mentoring - Frauen steigen auf" hätten sich mit 64 Frauen so viele angemeldet wie noch nie. Die Vorsitzende des Hildegardis-Vereins, Charlotte Kreuter-Kirchhof, die den Kurs organisiert, betonte: „Wir wollen als Frauen und Männer gemeinsam unser Ziel erreichen, den Anteil von Frauen an kirchlichen Führungspositionen auf 30% und mehr erhöhen“, (kna u. vn v. 11. 6.)

 

Das Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlichte Texte zu Frauen und Ökumene in seiner Schriftenreihe „Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz“. Ein Beitrag von Kardinal Reinhard Marx (München) thematisiert die Beteiligung von Frauen in kirchlichen Leitungspositionen. Er stellt fest: „In diesem Feld sind Veränderungen dringlich und müssen weiter vorangetrieben werden. Wir sprechen viel von einer neuen Sozialgestalt der Kirche. An keinem anderen Punkt wird das in unserer Zeit deutlicher als in dieser Frage“. (dbk u. vn v. 12. 6.)

 

Die Bischöfe der Schweiz planen im Rahmen ihres „Wegs zur Erneuerung der Kirche“ eine Diskussionsrunde mit dem Schweizerischen Katholischen Frauenbund (SFK). Die Begegnung werde im Rahmen der für 12. bis 16. September geplanten Herbstvollversammlung der Bischofskonferenz stattfinden, teilte Sprecherin Encarnacion Berger-Lobato zum Abschluss der dieswöchigen Vollversammlung der Bischöfe im Kloster Einsiedeln mit. Noch nie habe eine Frauengruppe „einen ganzen Tag auf Augenhöhe“ mit den Bischöfen getagt, sagte SKF-Präsidentin Simone Curau-Aepli der Nachrichtenagentur „kath.ch“. An dem Treffen würden elf Bischofskonferenz-Mitglieder sowie elf SKF-Vertreterinnen teilnehmen. Ziel ist aus Sicht des Frauenbunds, „dass die Frauenfrage - also die Frage der Partizipation und die Ämterfrage - zuoberst auf die Agenda der Schweizer Bischofskonferenz kommt“, sagte Curau-Aepli. (kath.ch u. vn v. 13. 6.)

 

Die französische Theologin und Ratzinger-Preisträgerin Anne-Marie Pelletier hat eine stärkere Präsenz von Frauen in entscheidenden Positionen der römisch-katholischen Kirche angemahnt. Im Interview mit der katholischen Zeitung „La Croix“ brachte sie einen Frauenrat für den Papst sowie „ein Kardinalskollegium mit Frauen“ ins Spiel. „Es gibt viele Orte, an denen Frauen heute aktiv sein müssen. Wenn Frauen heute schon in Seminaren Ekklesiologie lehrten, „könnte die Kirche ein anderes Gesicht haben“. Eine eventuelle Weihe von Diakoninnen in der Kirche hätte „zweifellos einen starken symbolischen Wert“. Es hänge alles vom Profil dieses Frauendiakonats ab. „Eine unterdimensionierte Version des männlichen Diakonats würde die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen nur bestätigen“, so Pelletier. „Es ist eine Chance, ein wahres inneres Gleichgewicht zu finden und den Mut zu haben, die Kirche anders zu denken. Die Sache der Frauen ist auch ganz einfach die Sache der Kirche." Anne-Marie Pelletier empfing 2014 als erste Frau den renommierten Ratzinger-Preis für Theologie. (la croix u. vn v. 26. 6.)

 

Die Katholische Frauengemeinschaft in Deutschland (kfd) hat die Forderung nach einem Zugang von Frauen zu kirchlichen Weiheämtern unterstrichen. „Wir Frauen wollen der Kirche nicht nur dienen, sondern auch Verantwortung und Macht übernehmen“, sagte die kfd-Bundesvorsitzende, Mechthild Heil, laut Katholischer Nachrichten-Agentur. Die kfd hält an dieser Forderung fest. In der Corona-Krise habe sich gezeigt, welche Berufungen und Eignungen Frauen mitbrächten. „Viele kfd-Gruppen entwickelten digitale Formate, nahmen Videogottesdienste auf, hängten Nimm-mit-Gebete vor Kirchentüren auf oder luden zu virtuellen Gebetsketten ein“. Frauen prägten das geistliche Leben nicht nur, sondern trügen es entscheidend mit. (JA v. 28. 6.)

 

 

Weitere aktuelle Hoffnungszeichen

  • Die Kultur- und Jugendministerin der Vereinigten Arabischen Emirate, Noura Al Kaabi, kritisierte die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee und betonte, die Kulturschätze der Menschheit – wie die Hagia Sophia – müssten „in ihrem Wert und in ihrer Funktion“ bewahrt werden, sie dürften nicht „unpassend“ verwendet oder für „persönliche Zwecke instrumentalisiert“ werden. Die Entscheidung der türkischen Politik betreffe zutiefst die ganze Menschheit, weil es sich bei der Hagia Sophia um eine UNESCO-Welterbe-Stätte von „außerordentlichem Wert für alle Völker und Kulturen“ handle. Die Hagia Sophia sei „eine Brücke zwischen unterschiedlichen Menschen, […] ein wichtiges Beispiel der Interaktion und des Dialogs zwischen Asien und Europa und sollte ein harmonisches Zeugnis menschlicher Geschichte bleiben“. (JA v. 2. 8.)

     

  • Im Interview mit den „Salzburger Nachrichten“ plädiert Dr. Julia Knop, die Dogmatikerin an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Erfurt, für einen „Mentalitätswandel“ der römisch-katholischen Kirche, weil die „Geschlechtergerechtigkeit [heute] schlichtweg unhinterfragbar ist“: „Wenn es in der Antike Diakoninnen gegeben hat, könnte es sie auch heute geben. […] Es wäre ein Wandel zum Verständnis des Weiheamtes, das geerdet ist, das rechenschaftspflichtig ist und nicht den Amtsträger in den Himmel lobt und zu einer besonderen Mittlergestalt stilisiert. Ein Wandel zu einem kirchlichen System, das heutigen Standards von Transparenz und Kontrolle, von Gewaltenteilung und Geschlechtergerechtigkeit entspricht. Zu einer Kirche, die glaubwürdig ist.“ (SN vom 1. 8.)

     

  • Vor einigen Monaten noch gab es im palästinensischen Gaza-Streifen noch keine Corona-Infektionen. Pater Romanelli sagte im Radio Vatikan „Für mich war es ein Wunder. Da wir schon damals ahnten, was auf uns zukommen könnte – haben wir die Zeit genutzt: Wir haben Aktivitäten im Freien organisiert, und natürlich Gottesdienste, aber auch Seminare und Ausflüge ans Meer. […] Mit solchen Angeboten hilft die Kirche tausenden Menschen und zwar Mitbürgern christlichen wie muslimischen Glaubens. […] Wir haben auch Wettkämpfe für die jungen Leute organisiert, Angebote für Kinder und ein besonderes Programm im Marienmonat Mai. Immer haben ganz viele Leute mitgemacht, auch die griechisch-Orthodoxen. Ökumene ist für uns Alltag.“ Doch jetzt wurden die ersten vier Fälle von Corona im Flüchtlingslager Al-Mughasi entdeckt, in dem etwa 120.000 Menschen leben. Die Hamas-Regierung verhängte einen zweitägigen Lockdown. „Viele Menschen haben keine Hoffnung. Es gibt natürlich immer Leute, die nicht einverstanden sind und sich beschweren.“ Von daher ist Pater Romanelli froh, wenn er und seine Gemeinde den Menschen Hilfe und Hoffnung bringen können – und zwar egal, welcher Religion sie angehören. (vn v. 27. 8.)

     

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