Innerkirchliche Reformansätze: (Frauen, Zölibat, wiederverheiratet Geschiedene, Moral ..)

Im Interview mit den „Salzburger Nachrichten“ plädiert Dr. Julia Knop, die Dogmatikerin an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Erfurt, für einen „Mentalitätswandel“ der römisch-katholischen Kirche, weil die „Geschlechtergerechtigkeit [heute] schlichtweg unhinterfragbar ist“: „Wenn es in der Antike Diakoninnen gegeben hat, könnte es sie auch heute geben. […] Es wäre ein Wandel zum Verständnis des Weiheamtes, das geerdet ist, das rechenschaftspflichtig ist und nicht den Amtsträger in den Himmel lobt und zu einer besonderen Mittlergestalt stilisiert. Ein Wandel zu einem kirchlichen System, das heutigen Standards von Transparenz und Kontrolle, von Gewaltenteilung und Geschlechtergerechtigkeit entspricht. Zu einer Kirche, die glaubwürdig ist.“ (SN vom 1. 8.)

 

Während sich der Vatikan zuletzt vehement gegen Leitungsteams für Kirchengemeinden in Deutschland ausgesprochen hat, zeigt sich eine breite Vielfalt von kirchlichen Leitungsstrukturen im frühen Christentum. Das ist der Tenor von Beiträgen für die neue Ausgabe der Zeitschrift des Stuttgarter Katholischen Bibelwerks. In der Zeitschrift schreiben ExpertInnen für das Neue Testament und KirchenhistorikerInnen. So habe es Gemeinden gegeben, in denen die Versammlung aller Getauften gemeinsam Entscheidungen traf, oder auch Leitungsmodelle in Form eines Ältestenrats („Presbyter“). Andere Gemeinden hätten sich an der Struktur des antiken römischen Großhaushalts mit einem „pater familias“ orientiert. Vielfach hätten auch Witwen eine wichtige Führungsrolle übernommen. Erst an der Wende des zweiten zum dritten Jahrhundert sei das Kleriker-Sein sei zum Beruf geworden. Und die Theologin Dorothea Sattler etwa analysiert, welche Bezüge sich zu den aktuellen Strukturdebatten der römisch-katholischen Kirche daraus ergeben. (religion.ORF.at u. kap u. kna v. 10. 8.)

 

Markus Büchel, Bischof von St. Gallen (Schweiz), reagiert mit einem Schreiben an seine MitarbeiterInnen auf eine Instruktion der Klerus-Kongregation. Die Instruktion sieht die Gemeindeleitung beim Pfarrer, bei nicht-geweihten Theologen nur in Ausnahmefällen. Die Predigt von Laien in der Eucharistiefeier wird abgelehnt, wie sie in der deutschsprachigen Schweiz jedoch verbreitet ist. Markus Büchel spricht von einer „klerikal verengten“ Sicht und schließt sich somit der Kritik seines Basler Amtsbruders Felix Gmür an. Gmür hatte die Instruktion allerdings noch schärfer verurteilt: Sie sei „theologisch defizitär und klerikalistisch verengt“. Bischof Büchel will am Kurs seines Bistums festhalten, wo es „seit Jahren einen verantworteten Weg im Zusammenspiel von hauptamtlich tätigen, theologisch ausgebildeten Frauen und Männern“ gebe. Auch bestätigt er das duale System: „Die Kirchgemeinden werden seit über zweihundert Jahren von gewählten Kirchbürgerinnen und Kirchbürgern verantwortlich verwaltet. Diesen Weg gehen wir weiter.“ Jede Struktur müsse so sein, dass das Evangelium bei den Menschen ankomme. Es sei „die Nähe zu den Menschen wichtig“. (kath.ch u. vn v. 13. 8.)

 

Papst Franziskus hat erstmals sechs Frauen in den Vatikanischen Wirtschaftsrat berufen. Je zwei aus Deutschland, Spanien und Großbritannien. (JA v. 16. 8.)

 

Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße hat sich für eine offene Debatte über die Zulassung von Frauen zum Weiheamt in der römisch-katholischen Kirche ausgesprochen. „Man muss über die Themen denken und diskutieren dürfen“, sagte er in Hamburg. Auch mit dem 1994 veröffentlichten Schreiben von Papst Johannes Paul II. über den Ausschluss des Frauenpriestertums sei die Angelegenheit nicht erledigt. „Die Diskussion ist nach wie vor da, sie ist lebendig, und sie ist durch ein Papier nicht zu ersticken.“ Laut Heße gibt es viele neue Argumente, die miteingebracht werden müssten. „Die historische Perspektive ist eine - aber die ist nicht alles.“ Es ist beispielsweise die Frage zu stellen, ob bei der Menschwerdung Christi das Mann-Werden oder das Person-Werden das Entscheidende sei. Heße ist Mitglied des Forums „Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche“ beim deutschen „Synodalen Weg“. Mit Blick auf diesen Reformprozess äußerte er die Hoffnung, dass strittige Fragen „auf Herz und Nieren“ geprüft würden und die Bischöfe die Ergebnisse nach Rom brächten. Auch die Münsteraner Theologin und Vorsitzende des Frauen-Forums, Dorothea Sattler, äußerte Zweifel an der Verbindlichkeit des Schreibens von Papst Johannes Paul II. „Viele Theologinnen und Theologen sind der Überzeugung, dass da auf lehramtlicher Seite die Tür noch nicht zu ist.“ Ihrer Auffassung nach können auch Frauen Jesus Christus repräsentieren. (kna u.vn v. 20. 8.)

 

Der Kärntner Bischof Josef Marketz äußerte kritische Anfragen an das jüngste Dokument der vatikanischen Kleruskongregation über die Seelsorge. „Den ersten Teil über die Bedeutung der Pfarren kann ich unterschreiben. Das ist auch unser Kärntner Weg“, so Marketz in einem Interview. „Doch wir haben 336 Pfarren und nicht einmal die halbe Zahl an Priestern. Wir müssen also auch Laien in die Leitung der Pfarre integrieren. […] Wir werden Wege finden, um das umzusetzen. So gern wir Traditionen haben: Unsere Zeit braucht neue Antworten.“ Auf die viel diskutierten Themen Diakonat der Frau und Zölibat angesprochen, sagte der Bischof, er werde „froh sein, wenn Frauen in solche Ämter kommen“. Der Zölibat habe über Jahrhunderte vielen Positives gebracht. Er hätte aber nichts dagegen, „wenn Priester mit Familie ihren Dienst tun dürfen“. (kap u. vn v. 20. 8.)

 

Die Jura-Professorin Charlotte Kreuter-Kirchhof, neues Mitglied des vatikanischen Wirtschaftsrates, hält Präfektinnen von vatikanischen Räten sowie Priesterinnen grundsätzlich für möglich. In der deutschen Kirche sehe sie ermutigende Zeichen: „In vielen Bistümern übernehmen Frauen zentrale Leitungsaufgaben und tragen wesentlich zur Zukunftsfähigkeit unserer Kirche bei“. Ihr Eindruck sei es, dass dies von allen Seiten als sehr bereichernd wahrgenommen werde und viele Priester diese Entwicklung begrüßten. Die Berufung in den Wirtschaftsrat – eine unter sechs neuberufenen Frauen – bezeichnete sie „als deutliches Signal der gewünschten Zusammenarbeit von Bischöfen, Priestern und Laien“. Das Gremium werde zu einem Zeichen des Miteinander, das die Kirche zukunftsfähig mache. (Ja v. 23. 8.)

 

Polens römisch-katholische Bischöfe haben die Pflicht zum Respekt gegenüber Homo-, Bi- und Transsexuellen betont. „Jeder Akt physischer oder verbaler Gewalt, jedes hooliganartige Verhalten und jede Aggression gegen LGBT-Menschen ist inakzeptabel“, schreiben sie in ihrem „Standpunkt der Polnischen Bischofskonferenz zur Frage LGBT+“, den sie bei der Vollversammlung in Tschenstochau beschlossen. Er besteht aus den vier Kapiteln: Sexualität von Mann und Frau aus christlicher Sicht, die LGBT-Bewegungen in einer demokratischen Gesellschaft, LGBT+ in der katholischen Kirche sowie sexuelle Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Die Bischöfe berufen sich in ihrem Papier auf Papst Franziskus und das Kirchenrecht. Sie erklären, die Kirche sei offen für den Dialog mit jedem „Menschen guten Willens“, der die Wahrheit suche. Zudem machen sie sich für Beratungsstellen in kirchlicher Trägerschaft stark. (kna u. vn v. 29. 8.)

 

Papst unterstützt ein argentinisches Projekt für Transsexuelle und hat einer argentinischen Ordensfrau den Rücken gestärkt, die sich für Transsexuelle engagiert. Laut örtlichen Medienberichten schrieb Franziskus eigens einen Brief an Sr. Monica Astorga Cremona (53), Oberin eines Konvents der Unbeschuhten Karmelitinnen in der Provinz Neuquen. Die Ordensfrau ist wegen ihres jahrelangen Engagements für Transfrauen landesweit bekannt geworden. Zuletzt gründete sie eine Wohnsiedlung für Betroffene, die unter Obdachlosigkeit und den Folgen von Prostitution und Drogenabhängigkeit leiden. Argentinischen Medienberichten zufolge soll der jetzige Papst Franziskus den Einsatz bereits als Erzbischof von Buenos Aires gutgeheißen haben. „Gib diese Arbeit am gesellschaftlichen Rand nicht auf, die dir der Herr aufgetragen hat. Wenn du etwas brauchst, zähle auf mich“, soll er Sr. Astorga 2009 bei einem Besuch in Neuquen gesagt haben. (JA v. 30. 8.)

 

 

Weitere aktuelle Hoffnungszeichen

  • Die Kultur- und Jugendministerin der Vereinigten Arabischen Emirate, Noura Al Kaabi, kritisierte die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee und betonte, die Kulturschätze der Menschheit – wie die Hagia Sophia – müssten „in ihrem Wert und in ihrer Funktion“ bewahrt werden, sie dürften nicht „unpassend“ verwendet oder für „persönliche Zwecke instrumentalisiert“ werden. Die Entscheidung der türkischen Politik betreffe zutiefst die ganze Menschheit, weil es sich bei der Hagia Sophia um eine UNESCO-Welterbe-Stätte von „außerordentlichem Wert für alle Völker und Kulturen“ handle. Die Hagia Sophia sei „eine Brücke zwischen unterschiedlichen Menschen, […] ein wichtiges Beispiel der Interaktion und des Dialogs zwischen Asien und Europa und sollte ein harmonisches Zeugnis menschlicher Geschichte bleiben“. (JA v. 2. 8.)

     

  • Im Interview mit den „Salzburger Nachrichten“ plädiert Dr. Julia Knop, die Dogmatikerin an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Erfurt, für einen „Mentalitätswandel“ der römisch-katholischen Kirche, weil die „Geschlechtergerechtigkeit [heute] schlichtweg unhinterfragbar ist“: „Wenn es in der Antike Diakoninnen gegeben hat, könnte es sie auch heute geben. […] Es wäre ein Wandel zum Verständnis des Weiheamtes, das geerdet ist, das rechenschaftspflichtig ist und nicht den Amtsträger in den Himmel lobt und zu einer besonderen Mittlergestalt stilisiert. Ein Wandel zu einem kirchlichen System, das heutigen Standards von Transparenz und Kontrolle, von Gewaltenteilung und Geschlechtergerechtigkeit entspricht. Zu einer Kirche, die glaubwürdig ist.“ (SN vom 1. 8.)

     

  • Vor einigen Monaten noch gab es im palästinensischen Gaza-Streifen noch keine Corona-Infektionen. Pater Romanelli sagte im Radio Vatikan „Für mich war es ein Wunder. Da wir schon damals ahnten, was auf uns zukommen könnte – haben wir die Zeit genutzt: Wir haben Aktivitäten im Freien organisiert, und natürlich Gottesdienste, aber auch Seminare und Ausflüge ans Meer. […] Mit solchen Angeboten hilft die Kirche tausenden Menschen und zwar Mitbürgern christlichen wie muslimischen Glaubens. […] Wir haben auch Wettkämpfe für die jungen Leute organisiert, Angebote für Kinder und ein besonderes Programm im Marienmonat Mai. Immer haben ganz viele Leute mitgemacht, auch die griechisch-Orthodoxen. Ökumene ist für uns Alltag.“ Doch jetzt wurden die ersten vier Fälle von Corona im Flüchtlingslager Al-Mughasi entdeckt, in dem etwa 120.000 Menschen leben. Die Hamas-Regierung verhängte einen zweitägigen Lockdown. „Viele Menschen haben keine Hoffnung. Es gibt natürlich immer Leute, die nicht einverstanden sind und sich beschweren.“ Von daher ist Pater Romanelli froh, wenn er und seine Gemeinde den Menschen Hilfe und Hoffnung bringen können – und zwar egal, welcher Religion sie angehören. (vn v. 27. 8.)

     

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