Ökumene

Mit einem eindringlichen Appell, das Geschenk des Friedens zu wahren und aus der Vergangenheit zu lernen, haben die christlichen Kirchen einen ökumenischen Gottesdienst im Berliner Dom gefeiert. Damit gedachten sie des Endes des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren. In seiner Predigt betonte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, die bleibende deutsche Verantwortung für die Toten des Zweiten Weltkriegs. „Gegen das Vergessen und gegen alle Relativierung sagen wir: Ja, wir sind schuldig geworden. Wir haben ganz Europa und weite Teile der Welt ins Elend gestürzt. Und dankbar fügen wir hinzu: Aber unsere Geschichte ist weitergegangen.“ Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, sprach in seiner Predigt Mut und Trost zu, auch in Leidenssituationen. Jesus gehe nicht am Leiden anderer vorbei. Aber Friede lasse sich nicht einfach herbeiorganisieren: „Er braucht Menschen, die eine Hoffnung in sich tragen, weil sie überzeugt sind, nicht allein zu sein, sondern dass Gott selbst, sein Geist, sie begleitet.“ Wir Menschen sollten „daran glauben, dass der Friede uns geschenkt und eine Aufgabe ist.“ Ebenso wirkte auch der orthodoxe Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland, Erzpriester Radu Constantin Miron, mit. Er hob die Mitverantwortung der Kirchen für Frieden und Gerechtigkeit hervor: „Der Gottesdienst heute ist ein wunderbares Zeichen dafür, dass wir auf dem Weg zur sichtbaren Einheit der Kirche Jesu sind.“ (vn v. 8. 5.)

 

Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) schließt sich der Einladung zu einem religionsübergreifenden Gebetstag für das Ende der Corona-Pandemie an. Die Angehörigen der 350 protestantischen, anglikanischen und orthodoxen Kirchen sollen am 14. Mai Gott um Hilfe gegen das Coronavirus bitten, so der ÖRK in Genf. Lanciert hatte den gemeinsamen, interreligiösen Gebetstag zum 14. Mai das „Hohe Komitee der menschlichen Brüderlichkeit" in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Dieser Ausschuss der drei großen monotheistischen Religionen entstand im August 2019, von christlicher Seite sind sowohl der Weltkirchenrat als auch der Vatikan vertreten. (vn v. 8. 5.)

 

In einer Stellungnahme des Rats der Patriarchen und Kirchenführer in Israel wurde die Regierung dazu Israels, von einseitigen Schritten im Nahostkonflikt abzusehen. „Eine Reihe von Plänen, Land im Westjordanland von Israel einseitig zu annektieren, hauptsächlich unterstützt von rechten Fraktionen, wirft ernsthafte und katastrophale Fragen nach der Machbarkeit eines friedlichen Abkommens zur Beendigung des jahrzehntelangen Konflikts auf.“ Von der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) fordern die Kirchenführer, interne und innerpalästinensische Streitigkeiten beizulegen, um eine einheitliche Front für den Frieden und den Aufbau eines pluralistischen, demokratischen Staates zu bilden. Unterzeichnet ist die Erklärung von führenden Vertretern der anerkannten Kirchen in Israel, darunter dem griechisch-orthodoxen Patriarchen Theophilos III., Erzbischof Pierbattista Pizzaballa und Franziskanerkustos Francesco Patton. (kna u. vn v. 8. 5.)

 

Christen im deutschen Sprachraum bitten gemeinsam um den Heiligen Geist im Hinblick auf das kommende Pfingstfest und vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie: Dieses Anliegen steht hinter der ökumenischen Gebetsinitiative „Österreich betet gemeinsam“, die u. a. von Kardinal Christoph Schönborn und weiteren österreichischen Bischöfen unterstützt wird. Ein ähnliches Ziel verfolgt die von Deutschland ausgehende Initiative „Gemeinsam vor Pfingsten“. Von Christi Himmelfahrt bis Pfingsten soll gebeten und gefastet werden. Zum Auftakt am 21. Mai werden in Österreich von 19.00 bis 20.30 Uhr in einem Livestream verschiedene Gebetsanliegen. Auf Donnerstag, 28. Mai fokussiert sich die Initiative „Gemeinsam vor Pfingsten“ auf das deutsche Fulda, wo ein zentrales Gebetstreffen vom Augsburger ökumenischen Verein „Gebetshaus“ geplant ist. Römisch-katholische, evangelische, orthodoxe und freikirchliche Christen seien willkommen, ebenso jede/r andere Mitbetende: „Der Heilige Geist liebt die Vielfalt.“ (kap . vn v. 11. 5.)

 

Papst Franziskus hat den koptisch-orthodoxen Patriarchen Tawadros II. angerufen, um die gegenseitigen Bande der Geschwisterlichkeit in Zeiten der Pandemie zu erneuern. Der Anruf erfolgte aus Anlass des 10. Mai, dem Tag, an dem der Papst und der ägyptische Patriarch ihr Versprechen des täglichen und gegenseitigen Gebets erneuern. Denn im Jahr 1973 war am 10. Mai zum ersten Mal ein Papst, damals Paul VI., mit dem koptischen Patriarchen Shenouda III. zusammengetroffen. Im Telefongespräch, so berichtet die Nachrichtenagentur „Fides“, hatte Franziskus „seine Liebe und Wertschätzung für Ägypten und die Ägypter“ ausgedrückt. Beide Kirchenoberhäupter wollen am Welttag des Gebets (14. Mai) – auf Initiative des „Hohen Komitees für die menschliche Geschwisterlichkeit“ – fasten und mit Werken der Nächstenliebe teilnehmen zur Befreiung des Planeten vom Coronavirus. Das interreligiöse Hohe Komitee mit Sitz in Abu Dhabi setzt sich aus religiösen Führern und Gelehrten aus der ganzen Welt zusammen. Inspiriert wurde das Komitee durch das Dokument über die Geschwisterlichkeit, das Papst Franziskus und der Großimam der Kairoer al-Azhar- Universität, Ahmed al-Tayyeb, am 4. Februar 2019 in Abu Dhabi unterzeichnet hatten. (fides u. vn v. 12. 5.)

 

Für „neue Akzente in der Ökumene" hat der Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ), Domdekan Rudolf Prokschi, in einem Interview in der Ausgabe des „Pro Oriente"-Magazins plädiert: „Strukturell geht es darum, den bisher rechtlich unverbindlichen Zusammenschluss von Kirchen in eine neue Form zu bringen". Der ÖRKÖ-Vorsitzende ist auch dafür, Gespräche mit christlichen Gemeinschaften aufzunehmen, die noch außerhalb stehen, z.B. mit freikirchlichen Gemeinden. Durch einen jahrzehntelangen Prozess sei die Ökumene in Österreich gut gewachsen: „Wir können dankbar auf diesem Fundament, das Pioniere vor uns gelegt haben, weiterbauen und neue Schritte wagen". Aber das eigentliche Ziel, „die sichtbare Einheit in der eucharistischen Gemeinschaft", dürfe nicht aus den Augen gelassen werden. Sehr wichtig sei es, die Jugend für die Ökumene zu begeistern. Daher sei in der neu konstituierten Ökumene-Kommission der Erzdiözese Wien auch eine Jugend-Arbeitsgruppe gebildet worden. (kap v. 18. 5.)

 

Ökumene-Bischof Gerhard Feige würdigt zum 25-Jahr-Jubiläum die Enzyklika „Ut unum sint" (Damit sie eins seien): „Was Johannes Paul II. darin der katholischen Kirche mit auf den Weg gegeben hat, ist nach wie vor aktuell", sagte der Magdeburger Bischof zum Erscheinen des Dokumentes am 25. Mai 1995. Die Enzyklika zeuge von einer „großen ökumenischen Weite im Denken und von einer großen geschwisterlichen Offenheit". Bezeichnend sei die tiefe Wertschätzung für die Güter und Gaben der nicht-katholischen Kirchen und Gemeinschaften. „Eine Ökumene, die im Geist von 'Ut unum sint' nicht an Defiziten orientiert ist, sondern die Gaben im Blick hat, die die anderen in das gemeinsame christliche Haus einbringen, schafft Zuversicht". Johannes Paul II. habe einen Dialog über das Papst-Amt und dessen Ausübung angeregt. Damit habe er, „ohne das Papstamt als solches infrage zu stellen, eine Perspektive eröffnet, gemeinsam nach einer Form zu suchen, in der es seinen Einheitsdienst für alle Christen erfüllen kann”. Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus hätten die Inhalte dieser wegweisenden Enzyklika mit je eigenen Akzenten fortgeschrieben. Sie sei heute der Grundstein für die Ökumene, sagte Feige. (vn v. 22. 5.)

 

Vor 25 Jahren erschien die Ökumene-Enzyklika „Ut unum sint'“ (Damit sie eins seien) von Papst Johannes Paul II. In einem Brief an den Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch geht Papst Franziskus auf die Bedeutung dieser Enzyklika ein: Vor dem Horizont des Heiligen Jahres 2000 wollte Johannes Paul II. der Kirche „auf ihrem Weg in das dritte Jahrtausend die eindringliche Bitte ihres Meisters und Herrn ans Herz legen. … An diesem Jahrestag danke ich dem Herrn für den Weg, den wir mit seiner Gnade als Christen auf der Suche nach der vollen Einheit zurücklegen konnten“, so Franziskus. Das Ökumene-Dikasterium arbeite daran, „ in der Kirche das Bewusstsein für dieses unverzichtbare Ziel wachzuhalten“. Er nannte zwei Initiativen: Die erste ist das an die Bischöfe gerichtete Vademecum zur Ökumene im kommenden Herbst. Dieses wolle „eine Ermutigung wie ein Leitfaden für die Ausübung ihrer ökumenischen Verantwortung sein“. Die zweite Initiative sei die Zeitschrift „Acta Oecumenica“, mit der der Informationsdienst des Dikasteriums „ausgebaut und ein Hilfsmittel für alle, die im Dienst an der Einheit tätig sind, angeboten wird“. Papst Franziskus ruft alle auf, gemeinsam den Heiligen Geist anzurufen, „dass er unsere Schritte leiten möge und dass jeder mit neuer Intensität den Aufruf höre, für die ökumenische Sache zu arbeiten“. (vn v. 25. 5.)

 

Als einen „der grundlegenden Texte der Ökumene seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil“ hat der Catholica-Beauftragte der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Landesbischof Karl-Hinrich Manzke, die Enzyklika „Ut unum sint“ von Papst Johannes Paul II. gewürdigt. Der Text zeige die Verwurzelung des ökumenischen Gedankens im Neuen Testament und im „Willen und Beten des Herrn“, so Manzke in einer Aussendung anlässlich des 25. Jahrestages der Enzyklika. Dadurch werde deutlich, dass die ökumenische Ausrichtung zu den unverzichtbaren Wesensmerkmalen der christlichen Kirche gehöre. „Hinter diese Erkenntnis können unsere Kirchen heute nicht zurückfallen“. Johannes Paul II. habe die ökumenischen Beziehungen seiner Kirche nicht im Bewusstsein für die Defizite der anderen Kirchen und Gemeinschaften begründet, sondern in einen Geist der Offenheit, der auch bestehende Unterschiede als gegenseitige Bereicherung ansehen kann. Dieser richtungsweisende Ansatz sei zuletzt auch in der Orientierungshilfe der Deutschen Bischofskonferenz zum Kommunionsempfang konfessionsverbindender Ehepaare und in dem Studiendokument „Gemeinsam am Tisch des Herrn“ des Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen aufgegriffen worden. Manzke erinnert daran, dass Papst Franziskus für die Bischofssynode im Oktober 2022 das Thema „Synodalität der Kirche“ auf die Tagesordnung gesetzt hat. Das zeige, dass das „Nachdenken über die evangeliumsgemäße Leitung der Kirche“ weitergehe. „Wir dürfen mit Spannung darauf schauen, welche ökumenischen Impulse von diesen Überlegungen weiterhin ausgehen“. (vn v. 26. 5.)

 

 

Weitere aktuelle Hoffnungszeichen

  • Die Kultur- und Jugendministerin der Vereinigten Arabischen Emirate, Noura Al Kaabi, kritisierte die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee und betonte, die Kulturschätze der Menschheit – wie die Hagia Sophia – müssten „in ihrem Wert und in ihrer Funktion“ bewahrt werden, sie dürften nicht „unpassend“ verwendet oder für „persönliche Zwecke instrumentalisiert“ werden. Die Entscheidung der türkischen Politik betreffe zutiefst die ganze Menschheit, weil es sich bei der Hagia Sophia um eine UNESCO-Welterbe-Stätte von „außerordentlichem Wert für alle Völker und Kulturen“ handle. Die Hagia Sophia sei „eine Brücke zwischen unterschiedlichen Menschen, […] ein wichtiges Beispiel der Interaktion und des Dialogs zwischen Asien und Europa und sollte ein harmonisches Zeugnis menschlicher Geschichte bleiben“. (JA v. 2. 8.)

     

  • Im Interview mit den „Salzburger Nachrichten“ plädiert Dr. Julia Knop, die Dogmatikerin an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Erfurt, für einen „Mentalitätswandel“ der römisch-katholischen Kirche, weil die „Geschlechtergerechtigkeit [heute] schlichtweg unhinterfragbar ist“: „Wenn es in der Antike Diakoninnen gegeben hat, könnte es sie auch heute geben. […] Es wäre ein Wandel zum Verständnis des Weiheamtes, das geerdet ist, das rechenschaftspflichtig ist und nicht den Amtsträger in den Himmel lobt und zu einer besonderen Mittlergestalt stilisiert. Ein Wandel zu einem kirchlichen System, das heutigen Standards von Transparenz und Kontrolle, von Gewaltenteilung und Geschlechtergerechtigkeit entspricht. Zu einer Kirche, die glaubwürdig ist.“ (SN vom 1. 8.)

     

  • Vor einigen Monaten noch gab es im palästinensischen Gaza-Streifen noch keine Corona-Infektionen. Pater Romanelli sagte im Radio Vatikan „Für mich war es ein Wunder. Da wir schon damals ahnten, was auf uns zukommen könnte – haben wir die Zeit genutzt: Wir haben Aktivitäten im Freien organisiert, und natürlich Gottesdienste, aber auch Seminare und Ausflüge ans Meer. […] Mit solchen Angeboten hilft die Kirche tausenden Menschen und zwar Mitbürgern christlichen wie muslimischen Glaubens. […] Wir haben auch Wettkämpfe für die jungen Leute organisiert, Angebote für Kinder und ein besonderes Programm im Marienmonat Mai. Immer haben ganz viele Leute mitgemacht, auch die griechisch-Orthodoxen. Ökumene ist für uns Alltag.“ Doch jetzt wurden die ersten vier Fälle von Corona im Flüchtlingslager Al-Mughasi entdeckt, in dem etwa 120.000 Menschen leben. Die Hamas-Regierung verhängte einen zweitägigen Lockdown. „Viele Menschen haben keine Hoffnung. Es gibt natürlich immer Leute, die nicht einverstanden sind und sich beschweren.“ Von daher ist Pater Romanelli froh, wenn er und seine Gemeinde den Menschen Hilfe und Hoffnung bringen können – und zwar egal, welcher Religion sie angehören. (vn v. 27. 8.)

     

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