Systemsprenger Drewermann - Das Evangelium zum Leuchten bringen
80. Geburtstag Drewermann (20.6.2020)

Die KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche gratuliert dem Theologen, Psychoanalytiker und Schriftsteller Dr. Eugen Drewermann, der auch einer der Erstunterzeichner des KirchenVolksBegehrens im Jahr 1995 war, zur Vollendung seines 80. Lebensjahres.

 

Glückwunsch zum 80. Geburtstag
von Günther Doliwa, Wir sind Kirche-Bundesteam

Eugen Drewermann (*20. Juni 1940) im westfälischen Bergkamen geboren, Vater evangelisch, Mutter katholisch; Theologe; Psychoanalytiker, extrem produktiver Schriftsteller. 1966 Priester; 1978 Doktortitel mit „Strukturen des Bösen". Drei Bände; 1979 Privatdozent an der Theologischen Fakultät Paderborn. Er hätte Karriere machen können, aber…

Da das pflichttreue System der Katholischen Kirche der Psychoanalyse keinen Raum bot, musste er mit seinem „Psychogramm eines Ideals“, seinem Klassiker „Kleriker“ 1989, das System sprengen. Der Glaubensstreit spitzte sich unausweichlich zu. Sein Konflikt mit Bischof J. J. Degenhardt hat Republik und Kirche aufgewühlt. Der Erzbischof war seit 18 Jahren im Amt und stand einer der größten deutschen Diözesen vor - mit 1350 Priestern und 1,9 Millionen Katholiken, darunter 440.000 regelmäßigen Kirchgängern. Der Entzug der Lehrerlaubnis (zwei Jahre nach dem Fall „Küng“) und die Suspendierung vom Priesteramt wurden erst angedroht, dann vollstreckt. Gegen viele Proteste.

Drewermanns Auffassungen über Jesus als befreiende Güte Gottes, über psychologische-poetische Zugänge zur Schrift, über die Deformation kirchlicher Macht und dem Wunsch nach System übergreifendem Denken usw. mussten zu Konflikten führen. „Inhalt und Sprache der kirchlichen Botschaft helfen den Menschen schon lange nicht mehr in den Krisen ihres Lebens.“ (Stern 2019) Kirche „müsste sich von den Menschen her erneuern, statt weiter nur die Ruine, die geblieben ist, tapezieren zu wollen.“  Drewermann wurde konsequent System-Sprenger, da ihm das System nicht erlaubte, „Glaube als Freiheit“ zu verstehen. Glaube hilft, keine falschen Kompromisse zu machen. Mit der Verteidigung dieser Wahrheit, mit der r.-k. Kirche bis heute nicht so recht etwas anzufangen weiß, ergab sich schicksalshaft eine Weichenstellung. 1991 Lehrerlaubnis entzogen; 1992 Predigterlaubnis entzogen; 1995 einer der Erstunterzeichner des Kirchenvolksbegehrens; 2005 (65. Geburtstag) aus der römisch- katholischen Kirche ausgetreten. Erst heute dämmert der Kirche, wen sie damals nicht im eigenen Land duldete. Bischof Heiner Wilmer bekennt am 14.12.2018: Drewermann sei „ein von der Kirche verkannter Prophet unserer Zeit.“

Der theologische Psychotherapeut lebt bescheiden, fast asketisch; entschieden ohne Auto, Telefon und Kühlschrank in Paderborn. Er plädiert für eine „Reifung der Persönlichkeit in Versuch und Irrtum“ und für eine Anerkennung der tragischen Form des Scheiterns. Aus seinem Selbstverständnis als Seelsorger heraus ist er nahbar, nah bei den Menschen, beantwortet persönliche Anfragen persönlich, und sei’s auf kleinen handbeschriebenen Zetteln. 2008 bis 2015 führt er in gewohnt konzentrierter Manier eine Gesprächssendung im Radio Bremen. Seine unzähligen Vorträge, auch auf Kirchen- und Katholikentagen von unten, bestechen durch freie Rede aus einem brillanten Gedächtnis heraus, in einer poetischen Sprache, die ihresgleichen sucht. Er hat es stets „auf dem Schnürchen“ wie er zu sagen pflegt.

Elementar wichtig war und ist ihm die Verbindung von Theologie und Dichtung. Er wurde zunehmend politischer, trat für Frieden und Flüchtlinge, gegen Kapitalismus, Aufrüstung und Blockdenken ein. Zu Papst Franziskus meint er: „Dringend müsste ihm von Beratern die psychologische Dimension der Botschaft Christi nahegebracht werden.“ (Stern 2018) Von der Kirche erwartet er, dass sie sich von innen her erneuert. Damit spricht er im Namen der Reformbewegungen. Den "synodalen Weg" der katholischen Kirche sieht er skeptisch. „Ich kann verstehen, dass die Menschen damit Hoffnungen verbinden", sagt er. „Doch was warten wir auf Synoden, anstatt dem Leben zu erlauben, dass es menschlich wird." Die Kirche habe Angst vor der Öffentlichkeit. „Das ist die wirkliche Tragödie."

Obwohl ihn mit den Jahren „eine gewisse Müdigkeit, auch Sinnlosigkeit oder Erfolglosigkeit“ erfasst, wäre Ruhestand für einen, der nie einen Unterschied machte zwischen Arbeit und Freizeit, „eine Absage an mein Engagement angesichts einer Fülle ungelöster Probleme.“

Als ihn Christiane Florin am 22.4.2019 im Deutschlandfunk fragt, ob die Suspension vom Priesteramt 1992 eine „Strafe“ für ihn gewesen sei, antwortet Drewermann trocken: „Nein. Mir tun die Menschen leid, denen ich in der Kirche helfen wollte und die an der Kirche leiden. Und mir tun auch die Vertreter der Kirche leid, mein eigener Bischof in Paderborn, Kardinal Ratzinger. Ich begreife deren Angst, deren Not, deren Pflichttreue, deren Gebundenheit an die heilige Tradition, weil ich selber darin großgeworden bin. Man muss darüber hinauswachsen dürfen und man muss die Erlaubnis geben, dass das gewünscht ist im Sinne Jesu und die Kirche nicht das Recht hat, der Sache des Mannes aus Nazareth und der Freiheit der Menschen im Wege zu stehen. Dass die Kirche so sein wollte, hat mir sehr leidgetan. Ich selber fand mein Anliegen berechtigt – bis heute.“

Im Vorwort seines 2019 neu aufgelegten Klassikers verteidigt er die durch Verführung Minderjähriger schuldig gewordenen Missbrauchstäter, aus einer christlichen Grundhaltung der Güte heraus. „Die Menschen, die Böses tun, sind nicht böse. Sie wollen das nicht. Sie sind im Grunde wie Verlorene, Verlaufene, Verzweifelte. Und wie geht man sie jetzt suchen, um sie zurückzuholen? Das wäre die Aufgabe, aber nicht den Stab über sie zu brechen oder auf sie draufzuhauen.“ Bis heute ist er überzeugt: „Die Kleriker leiden am meisten an der katholischen Kirche.“

Am 2. Dezember 2019 durfte er an alter Wirkungsstätte in der Theologischen Fakultät in Paderborn wieder einen Vortrag halten, möglichst ohne Aufsehen, unter dem Oberthema: „Macht und Ohnmacht in der Kirche“. Eugen Drewermann wird nicht müde, das Bild eines geduldigen und gütigen Gottes erzählend zu vertiefen, der den Menschen liebt und annimmt, wie er ist. Selten ohne Bezugnahme auf:   Sokrates, Luther, Kierkegaard, Freud, G. Bruno, Dostojewski, Camus, Schleiermacher, Schopenhauer, Nietzsche, Schweitzer, Gandhi und Buddha. Pulsnah an Jesu Botschaft vom Reich Gottes.

„Nur zwei Themen seien wirklich wichtig im Leben – die Liebe und der Tod. Nur wer liebt, leidet beim Sterben des Menschen, des Tiers, das ihm nahesteht. Über die Trauer des Todes aber hebt einzig die Liebe hinweg. Die Liebe ist durch den Tod nicht zu entmutigen. Sie allein bildet den Ort, da die Erde den Himmel erahnen lässt. Sie allein trägt den Trost der Unsterblichkeit.“ „Ohne diese Dimension könnte ich überhaupt nicht standhalten.“

Eugen Drewermann gilt zurecht als einer der Besten seines Fachs, der seine psychologische und virtuose Sprach-Kompetenz in die Theologie eingebringt. Er hat sich als sanfter Prophet erwiesen. Auf unnachahmlich zartfühlende Weise, nicht ohne Pathos im rechten Sinn, hat er seinen Zeitgenoss*innen wertvolle Zugänge zum Glauben eröffnet. Die Theologie verdankt ihm Unschätzbares, was erst in Jahrzehnten auszuforschen sein wird.

Wenn es so weit sein sollte - was Gott noch weit hinausschieben möge - küsse Gott seine Seele.

27.5.2020, Günther M. Doliwa, Bundesteam Wir sind Kirche Deutschland

 

 

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