Zusammenarbeit und Dialog mit den (Welt-)Religionen: (Islam u.a.)

Mit der Enzyklika „Fratelli tutti“ gibt Papst Franziskus der Menschheit ihr Gewissen zurück. Mit diesen Worten lobt Ahmad Mohammad al-Tayyeb, der Großimam der Kairoer Al Azhar-Universität, die neue Enzyklika. In einem Tweet erinnerte der sunnitische Großimam an das vatikanisch-muslimische Dialogpapier von Abu Dhabi, das der Papst und er selbst im Februar 2019 unterzeichneten. Darin verpflichten sich die Religionsvertreter zum gemeinsamen Einsatz für Dialog, Frieden, Solidarität mit den Schwächsten sowie die Bewahrung der Schöpfung. Der Papst hatte sich für seine Enzyklika „Fratelli tutti“ von dieser gemeinsamen Erklärung inspirieren lassen, er nennt Al-Tayyeb in seinem Lehrschreiben mehrfach. „Die Botschaft meines Bruders Papst Franziskus ,Fratelli tutti’ ist eine Erweiterung des Dokuments über die menschliche Brüderlichkeit“, schreibt der Großimam. „Sie offenbart eine globale Realität, deren Positionen und Entscheidungen instabil sind. Es sind die verletzlichen und an den Rand gedrängten Menschen, die den Preis dafür zahlen.“ An der Präsentation der Enzyklika am 4. Oktober im Vatikan nahm auch der Richter Mohamed Mahmoud Mahmoud Abdel Salam, Generalsekretär des „Hohen Komitees für die menschliche Geschwisterlichkeit“ teil. Dieses ist mit der Umsetzung des Dialog-Papiers von Abu Dhabi befasst. Der Scharia-Gelehrte erklärte sich „voll und ganz einverstanden mit dem Papst. Ich teile jedes Wort, das er in der Enzyklika zum Thema Geschwisterlichkeit schreibt.“ (vn v. 5. 10.; JA v. 18. 10.)

 

Das in Wien ansässige „König-Abdullah-Zentrum für interreligiösen und interkulturellen Dialog“ organisiert u. a. mit der UNO ein „Internationales Forum“. 500 Religionsführer und PolitikerInnen diskutieren die Folgen der Corona-Krise, sowie Klimawandel, Hassrede und Menschenhandel. Die Ergebnisse sollen Ende November dem G20-Gipfel in Riad (Saudi-Arabien) vorgelegt werden. (Die Furche v. 15. 10.)

 

Papst Franziskus nimmt am ökumenischen und interreligiösen Friedenstreffen von Sant'Egidio in Rom teil. Es steht unter dem Motto „Niemand rettet sich allein – Frieden und Geschwisterlichkeit“. Auf dem Programm steht zunächst ein ökumenisches Gebet in der römischen Basilika Maria in Aracoeli. Anschließend nimmt Papst Franziskus an einer Zeremonie mit Vertretern weiterer Religionen auf dem nahegelegenen Kapitolsplatz teil. Neben Papst Franziskus wird u. a. der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. erwartet. „In einem schwierigen Moment der Geschichte, aufgrund der Coronavirus-Pandemie und der alten wie neuen Kriege – wie etwa der seit zehn Jahren anhaltende Krieg in Syrien oder der jüngste Krieg in Berg-Karabach – kommt aus dem Herzen Europas das Angebot an die Welt, einen Moment der Besinnung, der Begegnung und des Gebets einzulegen“, erklärte ein Sprecher von Sant‘Egidio. Zu den interreligiösen Zeremonien sollen die Vertreter der verschiedenen Religionen zusammenkommen. Sprechen sollen u. a. der Oberrabiner Frankreichs, Haim Korsia, der Generalsekretär des „Hohen Komitees der menschlichen Geschwisterlichkeit", Mohamed Abdelsalam Abdellatif, der japanische Buddhist Shoten Minegishi, Papst Franziskus und der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. Zudem wird ein „Friedensappell 2020“ verlesen, den alle Religionsvertreter unterzeichnen werden. (vn v. 16. 10.)

 

Eine Grußbotschaft von Großimam Ahmad al-Tayyeb von Kairo an das interreligiöse Friedenstreffen von Sant'Egidio unter dem Motto „Niemand rettet sich allein – Frieden und Geschwisterlichkeit“ verlas der Generalsekretär des „Hohen Komitees der menschlichen Geschwisterlichkeit", Mohamed Abdelsalam Abdellatif. In dieser hieß es, das jüngste Attentat auf einen Pariser Lehrer sei ein „krimineller Akt" gewesen, der aus einer „perversen und falschen Ideologie heraus" erfolgt sei. Al-Tayyeb verurteilte Beleidigungen der Religionen und den Missbrauch religiöser Symbole im Namen der Meinungsfreiheit. In einem abschließend unterzeichneten gemeinsamen Friedensappell des Friedenstreffens heißt es: „Es ist erneut Zeit für die kühne Vision, dass der Friede möglich ist, dass eine Welt ohne Krieg keine Illusion ist. Deshalb wollen wir noch einmal sagen: Nie wieder Krieg!“ (vn v. 20. 10.)

 

Das „Interreligiöse Hohe Komitee für menschliche Geschwisterlichkeit“ (HCHF) in Abu Dhabi stiftet einen „Zayed-Preis für menschliche Geschwisterlichkeit“, der mit einer Million Dollar dotiert ist. Er soll ab 2021 für „signifikante Beiträge zum menschlichen Fortschritt und zur Erleichterung friedlichen Zusammenlebens“ vergeben werden. Namensgeber des neuen Preises ist Scheich Zayed bin Sultan al-Nahyan (1918-2004), Gründungsfigur und erster Präsident der Emirate im Jahr 1971. Die Unterzeichnung der Erklärung von Abu Dhabi durch Großimam Ahmad al-Tayyeb, Leiter der Kairoer al-Azhar-Universität, und den Papst geschah 2019 in der Gedenkstätte für Scheich Zayed. Beide waren die ersten Preisträger. Wem der Preis zugesprochen wird, darüber soll ein vom HCHF eingesetztes, unabhängiges Experten-Gremium entscheiden. Zu diesem gehören u. a. die frühere kanadische Generalgouverneurin Michaelle Jean, die Ex-Präsidentin der Zentralafrikanischen Republik, Catherine Samba-Panza, Indonesiens früherer Vizepräsident Muhammad Jusuf Kalla, der UNO-Sonderberater für die Verhütung von Völkermord Adama Dieng und Kurienkardinal Dominique Mamberti. (vn v. 20. 10.)

 

Der für Schulfragen zuständige französische Erzbischof von Lille, Laurent Ulrich, hat nach dem brutalen Mord am 47-jährigen Lehrer Samuel Paty betont, dass die römisch-katholische Kirche beim interreligiösen Dialog dennoch nicht nachlassen werde.. „Wir werden nicht darin nachlassen, auf die Geschwisterlichkeit unter den Menschen zu vertrauen, die sich im Dialog mit unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, Religionen und Kulturen und dem Austausch über Erkenntnisse, Glauben und Argumenten äußert“. […] Als Katholiken versichern wir den Muslimen in unserem Land, dass wir immer im Dialog mit ihnen stehen werden“. Er befürworte einen „Bildungspakt für Freundschaft in der Gesellschaft, Dialog und Brüderlichkeit“. Die Hinrichtung des Lehrers, der in einer Schulstunde Mohammed-Karikaturen gezeigt und mit den Schülern das Thema Freiheit besprochen hatte, ist beim interreligiösen Friedenstreffen in Rom jüngst auch von Großimam Ahmad al-Tayyeb von Kairo verurteilt worden: Es sei ein „krimineller Akt“, der aus einer „perversen und falschen Ideologie heraus" erfolgt sei. (ucanews u. vn v. 22. 10.)

 

Am 28. Oktober 1965 wurde „Nostra aetate“ als „Erklärung“ des Zweiten Vatikanischen Konzils promulgiert. Sie stellt den Startschuss des offiziellen Dialogs der römisch-katholischen Kirche mit dem Judentum dar. Zu diesem Anlass sandte Kardinal Kurt Koch eine Botschaft im Namen der „Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum“ an das „International Jewish Committee for Interreligious Consultations“ (IJCIC). In einer Antwort betonte das IJCIC die Intensität der Beziehungen zwischen römisch-katholischen und jüdischen Führungspersönlichkeiten. Ursprünglich war geplant, Ende Oktober 2020 eine gemeinsame Tagung in São Paolo (Brasilien) zum Thema „Erschaffen nach dem Abbild Gottes; Schutz der menschlichen Würde“ zu organisieren. Man entschied sich wegen Corona zur Abfassung von gegenseitigen Botschaften. Kardinal Koch spricht dabei von „einer Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern unter Juden und Christen“ und betont das gemeinsame geistliche Erbe. Das IJCIC stellt klar, dass wir nach „Nostra aetate“ eine Zeit erfahren, die 2000 Jahre „Feindschaft zu einem Segen der Freundschaft gemacht hat“. (vn v. 28. 10.)

 

 

Weitere aktuelle Hoffnungszeichen

  • Die Christinnen und Muslimas in Deutschland setzen aufs gemeinsame Tun: Zuerst wird beim Karlsruher Religionsdialog das Vaterunser gebetet, dann werden Koransuren vorgetragen, sagt Annette Bernards von der Dialoginitiative Christlich-Islamischen Gesellschaft Karlsruhe (CIGK). „Früher, da war es ganz schwierig, wie man ein gemeinsames Gebet gestaltet“, blickt Annette Bernards im Interview mit Radio Vatikan auf den Beginn der CIGK 1995 zurück. Bei den Friedensgebeten sei das jetzt anders. „Da wird das Vaterunser gebetet, das ist den Muslimen inzwischen vertraut, und wir hören die Koransuren, die gesungen werden. Das ist sehr viel unkomplizierter geworden und auch ein Stück weit mutiger auf beiden Seiten. Annette Bernards leitet gemeinsam mit der gebürtigen Tunesierin Najoua Benzarti die CIGK. Auch Benzarti, die seit 37 Jahren in Deutschland lebt, spricht über viele heute gemeinsame Selbstverständlichkeiten: Ob gemeinsam Kochen oder Fußballspielen, Konferenzen organisieren oder jährlich die städtischen Anti-Rassismus-Wochen gestalten – gemeinsames Tun gehöre heute dazu, so Benzardi: „Wir haben im Rahmen des christlich-muslimischen Dialoges hier in Karlsruhe nachhaltige Traditionen gewonnen.“ Was die Glaubenstraditionen und das Beten betrifft, geht es weder um Missionierung noch darum, die Religionen zu vermischen. Das werde bei der Gestaltung gemeinsamer Gebetsveranstaltungen deutlich. Manchmal würden auch Texte der Friedenstreffen von Assisi gesprochen, ergänzt Benzarti, „eine Bereicherung!“ Und Annette Bernards berichtet: „Es geht sehr oft um den Vergleich von Bibel und Koran, dass wir zum Beispiel Propheten aussuchen und fragen: Kommen die im Koran auch vor? Was haben die gemeinsam, was nicht. […] Auch gemeinsame Ausflüge in Moschee- oder Kirchengemeinden und in eine Synagoge werden organisiert. […] Das ist der Vorteil, dass wir offen für alle Frauen sind, egal, ob sie schiitisch oder sunnitisch, gläubig oder nicht gläubig, evangelisch oder katholisch sind.“ Bestes Beispiel dafür sind die Leiterinnen der CIGK selbst: Die Islamwissenschaftlern Benzarti studierte VWL und ist Mitglied im Migrationsbeirat in Karlsruhe für den Bereich Kultur und interreligiösen Dialog. Die CIGK bemüht sich auch um interregionale Vernetzung und ist Mitglied im Dachverband „Koordinierungsrat des christlich-islamischen Dialogs". (vn v. 2. 2.)

     

  • Die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) und der Schweizerische Katholische Frauenbund (SKF) haben ihre Gespräche über den Prozess „Gemeinsam auf dem Weg zur Erneuerung der Kirche“ fortgeführt. Bei der nächsten Sitzung wird erörtert, was genau die Anlauf- bzw. Ombudsstellen für Fragen der Gleichstellung zwischen den Geschlechtern sein und leisten sollen. Der SKF und der Frauenrat der SBK „schätzen das konstruktive Miteinander“ sowie „den spürbaren Willen, gemeinsam für Geschlechtergerechtigkeit innerhalb der katholischen Kirche einzustehen“, heißt es in einer Mitteilung. Die Delegation der SBK vertraten Weihbischof Denis Theurillat sowie Marlies Höchli (Frauenrat SBK). Der SKF wurde durch Vorstandsmitglied Iva Boutellier sowie Präsidentin Simone Curau-Aepli repräsentiert. Viele Katholikinnen in der Schweiz wünschen sich Reformen in ihrer Kirche, ähnlich wie etwa in Deutschland mit seinem „Synodalen Weg“. So schlägt der SKF über die Ombudsstellen für Gleichstellungsfragen hinaus auch Quoten zur Vertretung von Frauen in kirchlichen Leitungsgremien vor. Die SBK hat der SKF vorgeschlagen, Frauen mit beratender Stimme an ihren Vollversammlungen zu beteiligen. Der SKF hat für Frauen auch neue Formen der sakramentalen Sendung für Taufe und Krankensalbung gefordert. (vn v. 3. 2.)

     

  • In der Debatte um die wechselseitige Einladung zur Eucharistie- oder Abendmahlsfeier hat die römisch-katholische Theologin Dorothea Sattler das Votum deutscher Theologen gegen die Kritik Vatikans verteidigt. Der Text des Ökumenische Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen (ÖAK), dessen wissenschaftliche Leiterin auf römisch-katholischer Seite sie ist, sei die Frucht jahrelanger theologischer Studien, sagte sie bei einer Online-Diskussion. Dabei habe es „Fortschritte in der theologischen Wahrnehmung" der jeweils anderen Konfession gegeben. Sie finde es „abgründig traurig", dass die vatikanische Glaubenskongregation dies nicht wertschätze. Die verbleibenden Unterschiede im Amtsverständnis der Kirchen dürften nicht länger als entscheidendes Kriterium für die Kommuniongemeinschaft gelten. Vielmehr sei es heute begründungspflichtig, "warum wir nicht gemeinsam Mahl feiern", sagte die in Münster lehrende Theologin. Auch die Göttinger evangelische Theologin Christine Axt-Piscalar bescheinigte dem ÖAK-Votum, dieses entfalte auf Basis evangelischer Grundlagentexte „sehr valide" ein Verständnis des ordinierten Amtes. Damit wandte sie sich auch gegen die Kritik des Kardinals Kurt Koch, der dem Theologenpapier mit Blick auf eine entgegenstehende Praxis in der evangelischen Kirche in Deutschland eine „mangelnde Erdung" vorgeworfen hatte. (kna u. kap v. 11. 2.)

     

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